Frankreich in Afghanistan : Gefangen am Hindukusch

Nach dem Tod von zehn französischen Soldaten muss Präsident Sarkozy den Afghanistan-Einsatz verteidigen. Die Opposition will eine Debatte.

Hans-Hagen Bremer[Paris]
Sarkozy Karsai
Präsident Nicolas Sarkozy mit seinem afghanischen Amtskollegen Hamid Karsai in Kabul. -Foto: dpa

Eine Stadt trauert um ihre Soldaten. Seit Montag steht im südfranzösischen Castres, der Garnison des 8. Regiments der Marineinfanterie, die Trikolore auf Halbmast. Zu der Einheit gehörten acht der zehn in Afghanistan getöteten französischen Fallschirmjäger. In der Kaserne der 1951 im Indochinakrieg gegründeten Elitetruppe ist eine Ehrenwache aufgezogen. Noch vor wenigen Wochen hatten sich die Bürger der Stadt bei einer Spendenaktion für ihre an den Hindukusch entsandten Soldaten engagiert. Und nun? „Alexis, Du warst nur zwanzig Jahre alt. Ich kann nicht begreifen warum.“ So gibt eine um ihren Verlobten trauernde Frau ihrem Schmerz im Kondolenzbuch Ausdruck.

Warum? Das ist die Frage, die jetzt viele Franzosen, nicht nur die Leute in Castres oder in Noyon und Calvi, den Standorten der beiden anderen von den Taliban getöteten Soldaten, umtreibt. Staatspräsident Nicolas Sarkozy kann ihr nicht ausweichen. Er war noch am Montagabend mit Außenminister Bernard Kouchner und Verteidigungsminister Hervé Morin nach Afghanistan geflogen, darin Francois Mitterrand nacheifernd, der 1983 nach dem Attentat auf die französische UN-Truppe im Libanon – 58 Tote – nach Beirut geeilt war, um auf den Trümmern Flagge zu zeigen. „Warum sind wir hier?“ fragte Sarkozy am Mittwoch nach seiner Ankunft in Kabul in einer Rede vor französischen Soldaten der Nato-Schutztruppe Isaf. „Weil es hier um einen Teil der Freiheit in der Welt geht“, gab er selbst zur Antwort. Die offenkundig noch unter Schock stehenden Soldaten versuchte er mit den Worten aufzurichten: „Die beste Weise, Euren Kameraden die Treue zu halten, ist es weiterzumachen und den Kopf zu heben.“ Und dann sagte er den Satz, um den sich die in nächster Zeit wohl unvermeidliche innenpolitische Debatte drehen wird: Er würde, wenn er es noch einmal zu entscheiden hätte, wieder Verstärkungen nach Afghanistan schicken.

Beim Nato-Gipfel im April in Bukarest hatte Sarkozy die Ankündigung wahr gemacht, das französische Isaf-Kontingent um 700 auf 3000 Soldaten zu erhöhen. Die Entscheidung war nicht unumstritten. Die linke Opposition kritisierte das Einschwenken Sarkozys auf die Linie der USA. Sie stützte sich dabei auf Meinungserhebungen, nach denen eine Mehrheit der Befragten eine Verstärkung des französischen Engagements am Hindukusch ablehnten. Doch hindern konnte sie den Präsidenten nicht. Nach der Verfassung entscheidet er allein über den Einsatz von Truppen in Krisengebieten.

Die Trauer um die toten Soldaten und die Solidarität mit deren Hinterbliebenen gebieten es, dass peinliche Fragen einstweilen zurückgehalten werden. Doch muss man „Lehren aus diesem Ereignis ziehen“, wie der Generalstabschef des Heeres, General Elrick Irastorza, am Mittwoch bei der Rückkehr der bei dem Taliban-Angriff schwer verletzten Soldaten in Paris sagte. Laut der Zeitung „Le Monde“ waren die französischen Soldaten bei dem Überfall „während Stunden“ ohne Verstärkung geblieben. Es habe „schwer wiegende Koordinationsprobleme“ gegeben. Die Nato will den Bericht nun prüfen.

Darüber hinaus stellt sich die Frage, wie man einen Krieg zu gewinnen hofft, der nach Ansicht der linksliberalen Zeitung „Libération“ militärisch nicht zu gewinnen ist. Die Opposition ist jedenfalls entschlossen, die Debatte, die im Frühjahr nicht stattfand, jetzt herbeizuführen. „Der Auftrag für die Truppen in Afghanistan muss neu definiert werden“, erklärte Francois Hollande, der Parteichef der Sozialisten. Die Aufrechterhaltung der Ordnung könne nicht die Priorität sein. Vordringlich sei vielmehr die Hilfe beim Wiederaufbau und die Unterstützung der afghanischen Armee, welche selbst für die Sicherheit des Landes sorgen müsse. Einen Abzug der französischen Soldaten fordert, von der rechtsextremistischen Nationalen Front und der Kommunistischen Partei abgesehen, niemand. „Das wäre die schlechteste aller Lösungen“, fasst „Libération“ die vorherrschende Meinung zusammen. Doch welche Alternativen sich bieten, das ist die Frage, auf die es derzeit keine Antwort gibt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben