Frankreich in der Krise : Teilen ist chic

In Krisenzeiten müssen die Franzosen den Gürtel enger schnallen - dadurch erleben Tauschbörsen, der Handel mit Second-Hand-Kleidung und Gemeinschaftsnutzungen wie Car-Sharing auch im Nachbarland einen Boom.

von
Die Suche nach gebrauchten Artikeln im Internet steht für viele Franzosen in Krisenzeiten hoch im Kurs.
Die Suche nach gebrauchten Artikeln im Internet steht für viele Franzosen in Krisenzeiten hoch im Kurs.Foto: AFP

Es ist ein Symptom der Wirtschaftskrise im Nachbarland: In den gerade zu Ende gegangenen Weihnachtsferien haben die Franzosen vor allem die Skigebiete in den unteren und mittleren Lagen besucht – weil die Preise dort eher erschwinglich sind als in den mondänen alpinen Orten. Die teureren französischen Skigebiete lockten nach den Worten von Didier Arino, des Generaldirektors des Tourismus-Vermarkters „Protourisme“, vor allem Ausländer an – „ein Zeichen für die wirtschaftliche Wiederbelebung in Europa“.

In Frankreich lässt der Aufschwung aber weiter auf sich warten. Die Arbeitslosigkeit verharrt bei elf Prozent, und für die ersten beiden Quartale in diesem Jahr erwartet das französische Statistikamt Insee jeweils ein mageres Wachstum von 0,2 Prozent.
Die mauen Wirtschaftsdaten haben einerseits zur Folge, dass die Franzosen seit dem Amtsantritt des Präsidenten François Hollande vor knapp zwei Jahren laut Umfragen ihren guten Glauben an die Zukunft immer mehr verlieren. Zudem macht sich im Privatleben der Zwang zum Sparen zunehmend bemerkbar. Nach einer am Montag veröffentlichten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ipsos haben sich neun von zehn Franzosen für 2014 vorgenommen, besser auf ihre Budgets zu achten. Befragt wurden rund 12 600 Personen in zwölf Ländern, darunter Deutschland, Italien, Polen und Rumänien. In keinem anderen Land stand bei den Befragten der Neujahrs-Vorsatz, die privaten Finanzen in den Griff zu bekommen, so sehr im Vordergrund wie bei den Franzosen. Jeweils 38 Prozent der Befragten im Nachbarland gaben an, dass sie in diesem Jahr ihre Ausgaben einschränken und mehr Geld auf die hohe Kante legen wollten. Offenbar verschärft sich die Krise in den Privathaushalten: Vor einem Jahr hatten noch 46 Prozent in einer ähnlichen Umfrage erklärt, dass sich die schlechte Wirtschaftslage in den vergangenen drei Monaten negativ auf ihre Finanzen ausgewirkt habe; inzwischen haben 55 Prozent der Franzosen die finanzielle Ebbe privat zu spüren bekommen.

Internet-Platformen als Krisengewinner

Aber es gibt auch Krisengewinner. Denn auf der anderen Seite des Rheins erleben der Handel mit Gebrauchtartikeln, Gemeinschaftsnutzungen aller Art und Internet-Tauschbörsen, wie sie in Deutschland schon seit längerem populär sind, nun ebenfalls einen Boom. Der „gemeinschaftliche Konsum“, wie die Franzosen ihre aus der Not geborene Krisen-Wirtschaft nennen, beflügelt Internet-Plattformen wie die 2009 gegründete Webseite „E-loue“ (frei übersetzt: E-Miete). Hier lässt sich alles mieten, vom Auto über den Anzug bis zum Babybett.
Auch wenn die verstärkte Nutzung von Car-Sharing, der Wohnungstausch in den Ferien oder der Handel mit Second-Hand-Kleidung in erster Linie oft wirtschaftliche Gründe hat, ist für viele Konsumenten in Frankreich auch der politische Hintergedanke wichtig. Dass die Mehrfach-Nutzung gebrauchter Gegenstände auch einen Beitrag zum Umweltschutz darstellt, leuchtet vielen Nutzern ein. „Teilen ist chic“, überschrieb die konservative Zeitung „Le Figaro“ am Wochenende einen Artikel über den immer stärker werdenden Trend, bei dem es nicht ums Besitzen, sondern nicht zuletzt auch um den sozialen Austausch bei der Gemeinschaftsnutzung geht.
Von den trüben Aussichten für das bevorstehende Jahr haben sich die Franzosen ihre Lust am Feiern übrigens nicht vermiesen lassen. Auch beim vergangenen Weihnachtsfest durften Champagner, Austern und Gänseleberpastete in vielen Haushalten nicht fehlen. Die Freude am „savoir vivre“, also der typisch französischen Lebenskunst, schlägt sich auch in den Zahlen der großen Supermarktketten nieder. So verzeichnete die Marktkette „Intermarché“ im Dezember ein Plus von 20 Prozent im Vergleich zum Vormonat – beim Verkauf von Wein und Champagner.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

Autor

3 Kommentare

Neuester Kommentar