Frankreich : Islamistischer Terror: der nützliche Feind

Seit den Anschlägen von Paris ist Frankreichs Präsident Francois Hollande wieder da und die rechtsradikale Marine Le Pen in der Defensive. In Europa entsteht eine neue Front. Ein Kommentar.

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In der schwersten Krise eine gute Figur gemacht: François Hollande hat mit seinem ruhigen Auftreten und prägnanten Worten überzeugt. Foto: dpa
In der schwersten Krise eine gute Figur gemacht: François Hollande hat mit seinem ruhigen Auftreten und prägnanten Worten...Foto: dpa

Islamistische Terroristen haben die Europäische Union gerettet. Gut, das ist etwas übertrieben. Es klingt auch pietätlos, monströsen Verbrechen positive Seiten abgewinnen zu wollen. Dennoch ist es erfreulich, dass François Hollande durch sein Auftreten nach der islamistischen Anschlagsserie bei den Franzosen sagenhafte 21 Zustimmungspunkte gutmachte und nun auf 40 Prozent Unterstützung kommt. Der Aufstieg der rechtsradikalen Marine Le Pen, die im Mai 2014 die mit der EU-Wahl eine landesweite Abstimmung gewinnen konnte, ist vorerst gestoppt. Mit ihr als französischer Präsidentin wäre es vernünftig, das Projekt EU zu beenden. Einen Staatenbund, der sich einmauert, Menschen hinrichtet und sie nach Rasse aburteilt darf es nicht geben. Dann lieber jeder für sich allein.

 Natürlich geht es auch in diesem Fall um politische Symbolik. Jeder französische Staatschef hätte den gesamten staatlichen Sicherheitsapparat von der Leine gelassen und keiner hätte eine Kapitulation vor dem endgültig ins absurd-unmenschliche abgedrehten islamistischen Hassterrorismus unterschrieben. Doch Hollande, von dessen Präsidentschaft bislang vor allem das Bild haften blieb, wie er auf einem Roller heimlich zu seiner Geliebten fährt, als wäre er ein  Dorfbursche aus einem italienischen 50er-Jahre-Film, er hat sich berappt. Der als Zauderer verschriene Sozialist überzeugte, während er die freiheitlichen europäischen Grundwerte aufzählte. So oft wurden diese Werte schon beschworen, beschrieben und betont, dass es eine Kunst geworden ist, sie wirklich überzeugend vorzutragen. Zu oft sind sie zu Worthülsen geschrumpft, zu häufig wurden sie missbraucht, sei es bei der angeblichen Verteidigung der deutschen Freiheit am Hindukusch oder einem Angriffskrieg mit dem Kampfnamen „Operation Iraqi Freedom“.

In der Krise haben alle ihr wahres Gesicht gezeigt

 Natürlich hatte Hollande auch Glück, dass Le Pen in der Krise ihre hässliche Maske abnahm – und dahinter eine noch abscheulichere Fratze präsentierte. Statt mitzutrauern, forderte sie, kaum dass der Rauch aus den Gewehren der Attentäter verzogen war, die Einführung der Todesstrafe. Beim republikanischen Marsch der 1,5 Millionen führte Hollande die Staatengemeinschaft an – Le Pen stand unbeholfen und von rechtsradikalen Schreihälsen umgeben in der Provinz herum. Zuvor hatte es unwürdiges Gerangel um ihre Teilnahme gegeben. Dass Hollande sogar gegen seinen potentiellen Widersacher Sarkozy punkten konnte, weil der sich durch die Reihen der Staatschefs drängelte und sich damit nachdrücklich als egomaner Selbstdarsteller in Erinnerung brachte, ist für Europa und die Demokratie belanglos. Es scheint nur, als hätten in der Krise alle ihr wahres Gesicht gezeigt. So manchem hätte ein Platz im Schatten besser gestanden.

 Die Terroranschläge von Paris sowie all die Ereignisse, die aus ihnen folgten, schwemmten vielfach den „Kampf der Kulturen“ wieder ans Licht. Diese vom amerikanischen Politikwissenschaftler Samuel Huntington formulierte Theorie kommt immer auf, wenn unterschiedliche Kulturkreise scheinbar unvermeidlich gegeneinander stoßen und der durch ihre Widersprüche aufgestaute Druck in einem großen Knall aufsteigt. Doch gerade die Anschläge von Paris und noch mehr die Reaktionen  darauf offenbaren, dass sich die Konfliktlinien der Gegenwart nicht entlang der Grenzen zwischen vermeintlichen Kulturräumen ziehen lassen – sondern längst innerhalb dieser Kulturräume. Die freiheitlich-demokratischen Kräfte, mögen sie sozialistisch, christlich oder sonst wie geprägt sein, stehen radikal-revisionistischen Kräften gegenüber. Marine Le Pen und die islamistischen Attentäter von Paris sind nicht gleich, aber  sie stehen auf der gleichen Seite. Sie wollen eine radikal regulierte, konservative, den momentan gültigen Werten widersprechende Welt, in der Religion und Rasse die Menschen trennen.

Es ist traurig, dass nur ein gemeinsamer Feind so gut zusammenschweißt. Doch wenn Europa gegen die Extremisten aller Couleur aufsteht, wäre damit auch den Terroropfern von Paris am meisten gedient.

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