Frankreich : Lehrer boykottieren Gedenktag Sarkozys

Die Einführung eines französischen Gedenktages für einen 1941 von den Nazis hingerichteten jungen Kommunisten ist zu einem Protesttag gegen Präsident Nicolas Sarkozy geworden.

ParisDer Präsident hatte angeordnet, den persönlichen Abschiedsbrief des Jugendlichen Guy Môquet an seine Eltern vor allen Oberstufenschülern zu verlesen. Zahlreiche Lehrer wehrten sich aber gegen die "staatlich verordnete Geschichtsinterpretation". Sarkozy sagte die Teilnahme an der Zeremonie an der Pariser Carnot-Schule kurzfristig ab. Lehrer und Schüler demonstrierten vor der Schule gegen die "politische Instrumentalisierung" des Märtyrers.

Justizministerin Rachida Dati wurde bei der Gedenkzeremonie in einer Schule in Villejuif bei Paris ausgepfiffen. Sarkozys Redenschreiber Henri Guaino sprach von einer "kleinen Minderheit von Lehrern" mit "ideologischen Absichten" und forderte patriotisches Verhalten ein. "Mit der Einwanderung, der Globalisierung und der Desintegration der Arbeit gibt es ein Identitätsproblem", sagte Guaino. "Die Nation ist wieder zum grundlegenden politischen Thema geworden."

Gewerkschaft rief zu Boykott auf

Die Lehrergewerkschaft SNES hatte die Pädagogen aufgerufen, das Verlesen des Briefes zu boykottieren. Der konservative Lehrerbund SNALC hatte zwar Bedenken angemeldet, sich aber nicht gegen den Staat stellen wollen. Manche Lehrer ließen den Text still lesen, andere machten eine Unterrichtseinheit zum Widerstand daraus oder folgten dem Boykottaufruf.

Môquet war 1940 von den französischen Behörden wegen Agitation für die verbotene Kommunistische Partei inhaftiert worden. Sein Vater, ein früherer KPF-Abgeordneter, war ebenfalls interniert. Nach einem Anschlag auf einen deutschen Offizier wurde Môquet am 22. Oktober 1941 als Repressalie von den Deutschen mit 47 anderen Geiseln erschossen. Der 17-Jährige war dafür zusammen mit anderen als "gefährlich" eingestuften Häftlingen von den französischen Behörden selektiert worden. (mit dpa)

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