Politik : Frankreich müht sich mit der Aufarbeitung seiner Vergangenheit (Kommentar)

hmt

Die späte Ahndung nationalsozialistischer Verbrechen hat häufig darunter gelitten, dass in die Jahre gekommenen Angeklagten zu krank waren, um einer Verhandlung zu folgen oder ihre Strafe abzusitzen. Das Gerechtigkeitsgefühl nahm Schaden, wenn Nachfahren von Opfern erleben mussten, dass der Rechtsstaat auch monströse Verbrecher schützt. Bei dem französischen Kollaborateur Maurice Papon liegt der Fall noch schlimmer: Der ehemalige Beamte des Vichy-Regimes, der bei der Deportation von Juden geholfen hatte, hat sich nun nicht in gespielte oder echte Krankheit geflüchtet. Vielmehr verhöhnt er die Justiz vom sicheren Versteck aus in einem Rechtfertigungsschreiben von böser Intelligenz. Das fällt leicht: Zu lange hatte die Nation mit dem Mythos gelebt, wonach die Franzosen während der Jahre der Besatzungszeit ein einig Volk von Résistance-Kämpfern gewesen seien. Der Prozess gegen Papon, der nach dem Krieg bis in ein Ministeramt aufgestiegen war, zwang zur Auseinandersetzung mit der Kollaboration französischer Behörden. Dass ausgerechnet dieser Verurteilte fliehen konnte, legt den Verdacht nahe, mit der Aufarbeitung der Vergangenheit sei es dem Land doch nicht so ernst gewesen.

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