Frankreich nach den Attentaten : Die zerrissene Nation

Die islamistischen Gewalttaten in ihrem Land zwingen die Menschen in Frankreich, Position zu beziehen. Zwar ist das Verhältnis zwischen Muslimen und Nichtmuslimen laut Umfragen besser als in Deutschland - aber dennoch tun sich tiefe Gräben auf.

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Wie in Limoges gingen am Samstag Tausende gegen islamistische Gewalt auf die Straße.
Wie in Limoges gingen am Samstag Tausende gegen islamistische Gewalt auf die Straße.Foto: AFP

Es ist ein Tag, an dem Frankreich versucht, zur Ruhe zu kommen, ein Stück Normalität wiederzufinden. Es ist der Beginn des Wochenendes – eigentlich ein Moment, in dem so etwas wie Muße einkehren sollte. Die Terrorwelle, die vor allem Paris und die Picardie im Nordosten des Landes drei Tage lang in Angst und Schrecken versetzt hat, ist beendet. Aber das Land ist noch immer aufgewühlt.

Thierry Saillot ist an diesem Samstag wie jeden Morgen in seine Buchhandlung im fünften Arrondissement der französischen Hauptstadt gekommen. Von seinem Arbeitsplatz kann er beobachten, dass es nun Kontrollen an der Universität Sorbonne Nouvelle auf der anderen Seite der Straße gibt. Normalerweise gibt es sechs Eingänge, durch den die Studenten in das Gebäude eingelassen werden. Jetzt müssen sie sich alle an einem zentralen Eingang ausweisen. Auch der Buchhändler Thierry Saillot, der gelegentlich an der Sorbonne Nouvelle unterrichtet, muss sich jetzt ein Dokument besorgen, das ihn als Universitätslehrer ausweist, sonst kommt er nicht mehr hinein. Früher ist man mit der Ausweispflicht laxer umgegangen, doch jetzt ist alles anders.

Die Sorbonne ist jene Universität, an der die Hauptfigur in Michel Houellebecqs umstrittenen Roman „Unterwerfung“ lehrt und wo in der Fiktion des Romanciers der muslimische Halbmond prangt. Der Roman von Houellebecq, der die französische Hauptstadt unter dem Eindruck des islamistischen Terrors vorübergehend verlassen hat, ist nicht unbedingt als anti-islamisches Pamphlet zu lesen. Eher wird man dem Roman, der nur mäßige literarische Kritiken bekommen hat, gerecht, wenn man es als beklemmendes Worst-Case-Szenario einer muslimischen Machtübernahme in Frankreich bezeichnet.

Das Attentat auf die Redaktion des Satiremagazins „Charlie Hebdo“, das sich in seiner jüngsten Ausgabe über Houellebecqs Weissagungen lustig machte, zwingt die Franzosen zu einer Standortbestimmung. Was für eine Nation wollen sie sein? Wer soll teilnehmen, wenn das Land an diesem Sonntag zwischen der Place de la République und dem Platz der Nation im Osten der französischen Hauptstadt gegen die Gewalt demonstrieren will? Wie soll das Zusammenleben zwischen Muslimen und Nichtmuslimen gestaltet werden? Und nicht zuletzt: Wie steht es wirklich um das Verhältnis zwischen den Religionsgemeinschaften, das laut Umfragen besser ist als in Deutschland?

Die Witwe des Zeichners Wolinski plädiert für die Meinungsfreiheit

Eine, die schon eine Antwort gegeben hat, ist Maryse Wolinski, die Witwe des bei dem Anschlag auf „Charlie Hebdo“ getöteten Zeichners Georges Wolinski. „Es kommt überhaupt nicht in Frage, dass die Presse etwas an ihrer Herangehensweise ändert“, sagte die Journalistin und Schriftstellerin, die mit Wolinski seit 1971 verheiratet war, nach dem Attentat. „Ich bin für Frankreich, für unsere Meinungsfreiheit“, erklärte die 71-Jährige, die in Algier geboren wurde, in einem bewegenden Interview mit dem Sender RTL.

Der Tod von Georges Wolinski, Stéphane Charbonnier und der anderen Karikaturisten, die von den Islamisten ermordet wurden, trifft eine ganze Generation von Franzosen, die mit den Comic-Gestalten der Zeichner aufgewachsen ist. Zu ihnen gehört auch der Buchhändler Thierry Saillot. Er überlegt jetzt, wie er sich verhalten soll nach diesen schrecklichen Tagen. Er denkt, dass man jetzt möglichst schnell wieder zum Alltag übergehen sollte, um die Panik, welche die Terroristen verbreiten wollen, gar nicht erst zuzulassen.

Ähnlich denkt auch Laurent Joffrin, der Chefredakteur der linken Tageszeitung „Libération“. Joffrin erklärt in seinem Leitartikel, dass man sich von der schrecklichen Bilanz mit den insgesamt 20 Toten und dem Lärm der Martinshörner, der noch am Freitag in Paris allgegenwärtig war, nicht irre machen lassen dürfe. „Ist das der Krieg?“, fragt Joffrin. Seine Antwort: „Nein.“

Aber eigentlich ist ein derart kühles Abwägen jetzt noch nicht möglich. Als der Buchhändler Saillot am Samstagmorgen mit der Metro zur Arbeit gefahren ist, haben die Leute natürlich immer noch nur das eine Thema gehabt: Die beiden Geiselnahmen vom Vortag, die mit dem Tod der Brüder Chérif und Said Kouachi sowie ihres Vertrauten Amédy Coulibaly endeten. Aber Saillot überlegt schon, wie offensiv er mit dem Spruch „Je suis Charlie“ in den nächsten Tagen umgehen soll. Statt eines „Charlie“-Aufklebers vor seinem Laden will er lieber die Comicbücher der getöteten Karikaturisten groß ins Schaufenster stellen.

"Je suis Charlie" - eine trotzige Behauptung

„Je suis Charlie“ – es ist eine trotzige Behauptung, die eine ganze Nation und darüber hinaus viele Menschen jetzt weltweit auf den Lippen tragen. Zu ihnen gehört Asaf Avidan, der am Freitagabend im „Maison de la Radio“ in der Nähe des Eiffelturms auftrat. Das Konzert des in Jerusalem geborenen Sängers war lange geplant, und die Veranstalter hatten sich entschlossen, es trotz der Terrorwelle nicht abzusagen. „Je suis Charlie“ sagte Avidan zwischen zwei Songs. Es klang knapp und trocken, aber doch so, dass es einem einen Schauer über den Rücken jagte.

Muslime fragen, ob sie an der Schweigeminute teilnehmen müssen

Die Solidarität, die viele Franzosen derzeit zusammenschweißt, spiegelt aber nur einen Teil der Gefühlslage Frankreichs wider. So wird an den Schulen auch von muslimischen Schülern berichtet, die bei der Schweigeminute am Donnerstagmittag fragten, warum sie sich sich an dieser Aktion beteiligen sollen. Unwillkürlich erinnert man sich bei solchen Berichten an das traurige Schauspiel, das sich 2010 vor einem Fußball-Länderspiel zwischen Frankreich und Tunesien zutrug. Eine junge Frau tunesischer Abstammung stimmte damals im Pariser „Stade de France“ die französische Nationalhymne an. Die Marseillaise wurde von den jungen Franzosen aus den Vorstädten, deren Wurzeln oft in Nordafrika liegen, gnadenlos ausgepfiffen. Die Zusammengehörigkeit, die von Staatspräsident François Hollande in diesen Tagen so häufig beschworen ist, ist gelegentlich sehr brüchig.

Die Terroristen Chérif Kouachi, Said Kouachi und Amédy Coulibaly lebten wiederum in einem eigenen Universum, in dem nur noch der Hass regiert und zahlreiche Gruppen als Ziel gelten: Juden, Polizisten, Journalisten. Als die Geiselnahmen in Dammartin-en-Goële und Paris beendet waren, konnten die Medien in Frankreich auch über die kruden Rechtfertigungen berichten, welche die Terroristen zuvor abgegeben hatten. Chérif Kouachi brüstete sich vor seinem Tod im Sender BFM-TV damit, von der Terrororganisation Al Qaida im Jemen finanziert worden zu sein.

Propagandafeldzug der Islamisten

Der versöhnliche Umgang zwischen Muslimen und Nichtmuslimen, den Frankreich jetzt so dringend nötig hat, dürfte auch nicht einfacher werden angesichts eines Mitschnitts, der ebenfalls nach dem Ende der Geiselnahmen in einem französischen Sender zu hören war. Dem Sender war es gelungen, telefonisch den Kontakt zu jenem jüdischen Supermarkt aufzunehmen, in dem Amédy Coulibaly zuvor vier Menschen getötet hatte und wo er nun noch zahlreiche Geiseln festhielt. Nachdem eine Person im Markt, möglicherweise Coulibaly selbst, abnahm und wieder auflegen wollte, wurde die Gesprächsverbindung – absichtlich oder zufällig – nicht gekappt.

So konnte die Öffentlichkeit anschließend zeitversetzt mitverfolgen, mit welcher Brutalität und Kompromisslosigkeit Coulibaly seine Geiseln anherrschte. Er wolle einmal sehen, dass die ganze französische Nation mit derselben Solidarität, mit der sie sich hinter die Opfer aus der Redaktion von „Charlie Hebdo“ stelle, den Muslimen begegne, erklärte Coulibaly sinngemäß. Man solle doch, meinte er weiter, endlich einmal die Muslime in Frankreich in Ruhe lassen.

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