Frankreich : Royal und Sarkozy ringen um die Mitte

Nach dem ersten Wahlgang am Sonntag kämpfen die Gewinner Royal und Sarkozy mehr denn je um die Stimmen der Mitte. Während Royal mit jedem sprechen möchte, besuchte Sarkozy ein Heim für Frauen in Not.

Valence - Im Endspurt um das französische Präsidentenamt ist der Kampf um die Mitte zwischen dem Konservativen Nicolas Sarkozy und der Sozialistin Ségolène Royal voll entbrannt. Royal bot dem Zentrumspolitiker François Bayrou in einem Telefonat Bündnisgespräche für den zweiten Wahlgang am 6. Mai an. In Valence sagte sie, sie wolle "eine offene Ideendebatte" auf der Grundlage ihres "Präsidentenpaktes" (Wahlprogramms). "Jetzt muss Bayrou sagen, ob er diese Debatte will." PS-Politiker sagten, der Pakt könne in einzelnen Fragen geändert werden.

Royal hatte sich am Sonntag mit 25,87 Prozent der Stimmen für die Stichwahl qualifiziert. Sarkozy kam auf 31,18 Prozent. Bayrou verfehlte mit 18,57 Prozent den zweiten Wahlgang. Seine 6,8 Millionen Wähler können aber bei der Stichwahl den Ausschlag geben. Zunächst hatten die Sozialisten und Sarkozys UMP direkte Gespräche mit Bayrou abgelehnt und ihr Werben auf Bayrous Wähler konzentriert. Sarkozy-Vertraute warben dafür, UDF-Politiker ins Kabinett zu holen.

Bayrou soll am Mittwoch Wahlempfehlung geben

Bayrou will sich am Mittwoch äußern. Der UDF-Chef will die Rechts-Links-Blockbildung mit einer starken Partei der Mitte durchbrechen. "Wir wollen aus dem Zweiersystem raus", sagte seine Sprecherin. Mehrere UDF-Parlamentarier suchten allerdings am Montag schon Bündnisse mit Sarkozys UMP für die Parlamentswahl im Juni.

Sarkozy hatte am Sonntag seine besten Ergebnisse im Osten und in den reichen Pariser Vororten sowie bei Frauen und Älteren erzielt. In der Stichwahl kann er nach neuen Umfragen mit 52 bis 54 Prozent rechnen. Zudem stellte sich Präsident Jacques Chirac erneut hinter ihn. Royal konnte zwar fast zehn Punkte mehr gewinnen als ihr Vorgänger Lionel Jospin 2002. Doch wegen des Zusammenbruchs der kleinen Linksparteien fehlt ihr Wählerreservoir für die Stichwahl. Ihr werden am übernächsten Sonntag nur 46 bis 48 Prozent zugetraut. Royal punktete eher in sozialen Brennpunkten und bei Jungwählern.

Rechtsextremer Gollnisch: Royal ist weniger schlimm

Bayrou wurde mit einer Verdreifachung seines Wähleranteils gegenüber 2002 auf 18,57 Prozent zum "Zünglein an der Waage". Dagegen konnte der rechtsextreme Jean-Marie Le Pen der Konkurrenz Sarkozys im nationalen Lager nicht standhalten und stürzte mit 10,44 Prozent auf das schlechteste Ergebnis in zwei Jahrzehnten. Le Pen kündigte eine Wahlaussage für den 1. Mai an. Sein Vize Bruno Gollnisch sagte, Royal sei "weniger schlimm" als Sarkozy.

Royal und Sarkozy, die zuletzt mit nationalen Werten geworben hatten, rückten ihr soziales Engagement in den Vordergrund des Wahlkampfes. Sarkozy besuchte ein Heim für Frauen in Not. "Ich möchte mich um ihr Leiden kümmern und ihnen sagen, dass es auch für den zerbrochenen Menschen Hoffnung gibt", sagte er. "Ein Land ist wie eine Familie." Royal plädierte für ein "beschützendes" und "eroberndes" Frankreich, das "nicht vom Recht des Stärkeren und Brutaleren" beherrscht werde. Voraussichtlich am 2. Mai wollen beide Kandidaten sich in einem TV-Duell messen.

EU sieht sich ebenfalls als Sieger

Die hohe Wahlbeteiligung von 83,77 Prozent - knapp unter dem 1965 erreichten Rekord von 84,75 Prozent - wurde allgemein als Sieg der Demokratie gefeiert. Der EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso erklärte zudem die EU zum Gewinner, weil Sarkozy wie Royal einen Ausweg aus der EU-Verfassungskrise wollten. Die Bundesregierung kann mit beiden Kandidaten gut leben, doch haben die Koalitionspartner unterschiedliche Präferenzen. Die SPD gratulierte Royal und die CDU Sarkozy. Die FDP beglückwünschte Bayrou für seinen Beitrag, das «klassische Links-Rechts-Schema» der Politik aufzulösen. (tso/dpa)

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