Frankreich und der Erste Weltkrieg : Heilige Einheit als Lehrstück

Frankreich soll aus der Erinnerung an den Ersten Weltkrieg Kraft für den Kampf gegen die Wirtschaftskrise schöpfen. Aber das Gedenken ist nicht martialisch - Brüderlichkeit lautet das Motto.

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In Paris läuft schon eine Ausstellung zum Alltag im Krieg.
In Paris läuft schon eine Ausstellung zum Alltag im Krieg.Foto: dpa

Frankreichs zerstrittene politische Klasse zeigte sich von seltener Einmütigkeit. Über die Parteigrenzen hinweg lobte sie Francois Hollande. In einer feierlichen Rede zum Auftakt der Gedenkfeiern zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs hatte der Präsident vor den im Festsaal des Elysée-Palasts versammelten  Mitgliedern der Regierung, Vertreten des Parlaments und Botschaftern von über 60 Ländern die Union sacrée, die „heilige Einheit“, beschworen, in der das Land vor hundert Jahren zusammenstand. Von der Opferbereitschaft der Franzosen hatte er gesprochen, die aus patriotischer Pflicht in einen Krieg zogen, der zur „härtesten Bewährungsprobe“ in Frankreichs Geschichte wurde. Und von der Notwendigkeit der Erinnerung sprach er, aus der das Land heute die Kraft für die Bewältigung der Krisen der Zukunft der Gegenwart schöpfen müsse. „Indem wir uns der Vergangenheit stellen, ihrem Ruhm und ihren Wunden, finden wir das Vertrauen, künftige Schlachten zu gewinnen, die heute nicht mehr militärischer sondern wirtschaftlicher Natur sind“, sagte Hollande.

 Keine Siegesfeiern

Keine Siegesfeiern also. Die hat es auch bisher nicht gegeben. Der 11. November, der Jahrestag des Waffenstillstands, mit dem der „Große Krieg“, wie ihn die Franzosen nennen, 1918 endete, war zwar stets ein Feiertag. Er ist aber dem Gedenken der Gefallenen gewidmet, die mit Kranzniederlegungen am Grabmal des Unbekannten Soldaten in Paris und ähnlichen Zeremonien an allen Städten und Gemeinden  zwischen Calais und Marseille geehrt werden. Dieses Jahr kommt noch eine Fülle weiterer Feiern hinzu. In Konzerten, Ausstellungen, Theaterabenden oder Kolloquien soll unter  dem Motto der Brüderlichkeit zwischen den einstigen Kriegsgegnern die Botschaft des Friedens verbreitet werden. Etwa tausend solcher Veranstaltungen haben von der dazu eingesetzten Regierungskommission deren offizielles Siegel erhalten.

 Große Sammlung von Dokumenten

Ausstellungen zum Ersten Weltkrieg stehen  in Paris und den Städten der Provinz auf dem Programm. Mit einer „Großen Kollekte“ wurden die Franzosen aufgerufen, in  Schränken und auf Dachböden nach persönlichen Dokumenten zu suchen, Fotos, Tagebüchern oder Briefen, um sie den Archiven für eine digitale Dokumentation der Kriegszeit zur Verfügung zu stellen. An der Gedenkstätte Notre-Dame-de-Lorette in Nordfrankreich sollen die Namen der 600000 Soldaten, die in dieser Region gefallen sind, in alphabetischer Reihenfolge und ohne Nennung ihrer Nationalität an einer Wand verewigt werden. Am Pariser Goethe-Institut steigt als Premiere die Aufführung des deutsch-französischen Theaterstücks „Die Leidenschaft der Soldaten des Großen Kriegs“, das Xavier Gras aus  Texten von Ernst Jünger ("In Stahlgewittern") und Maurice Genevoix ("Die von 1914") konzipiert hat. Es wird anschließend in Frankreich und in Deutschland gezeigt. Zum 14. Juli wurden Vertreter der  72 ehemals kriegführenden Nationen zur Teilnahme an der Militärparade des 14. Juli auf den Champs-Elysées eingeladen. Soldaten in Uniform und junge Leute in Zivil sollen beim französischen Nationalfeiertag als einem „Fest des Friedens“ mitmachen. Am 3. August, dem Tag, an dem Deutschland vor hundert Jahren Frankreich den Krieg erklärte, wird dann Bundespräsident Joachim Gauck an der Seite des französischen Präsidenten an einer Gedenkzeremonie teilnehmen.

Keine Schuldkontroversen

„Die Jahrhundertfeiern dienen nicht dazu, die Kämpfe von gestern wieder auszugraben“, sagte Hollande. „Wir haben uns ausgesöhnt und wollen noch enger mit unseren deutschen Freunden zusammenrücken.“ Kontroversen über den Ursprung des Krieges werden nicht mehr geführt. Französischen Schülern werden die Ereignisse, die zum Krieg führten, etwa in dem 2008 von deutschen und französischen Historikern erarbeiteten gemeinsamen  Geschichtsbuch, rein faktisch dargebracht. Von einer Alleinschuld Deutschlands ist nicht mehr die Rede. Aber eine Mitverantwortung Frankreichs, das den Krieg „zwar nicht gewollt, aber akzeptiert“ habe, wie der Historiker Francois Caron 1985 schrieb, wird immer noch nur ungern eingeräumt. Da wundert es nicht, dass der Brite  Christopher Clark mit seinem Wälzer „Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog“, in Deutschland einen Bestseller landete, in Frankreich aber bisher kaum ein Echo fand.

1,4 Millionen Franzosen kamen um

Im Bewusstsein der Öffentlichkeit hat 1914 die Bedeutung einer Katastrophe.  Acht Millionen Franzosen, ein Fünftel der Bevölkerung, wurden einberufen, 1,4 Millionen fielen, mehrere Hunderttausend kamen als Verletzte zurück. Ganze Landstriche im Osten und im Norden wurden verwüstet. Gras und Gebüsch bedecken heute die Gräben. Doch der Boden ist verseucht und in der Erde wird noch in mehr hundert Jahren  die Gefahr Tausender nicht explodierter Granaten lauern.     

 

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