Frankreichs Wirtschaft in der Krise : Die Volksseele kocht

In Frankreich ist die Wirtschaftsleistung im dritten Quartal um 0,1 Prozent gefallen, der Konsum lahmt. Politiker sprechen bereits von einer explosiven Stimmung.

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Demonstranten protestieren auf einer Straße in der Bretagne gegen die Ökoabgabe für Lastwagen.
Demonstranten protestieren auf einer Straße in der Bretagne gegen die Ökoabgabe für Lastwagen.Foto: AFP

Kaum ein Tag vergeht, an dem es nicht eine neue Hiobsbotschaft aus Frankreich gibt. Alle Zeichen stehen auf Rot. Frankreichs Wirtschaft ist in der Krise, und Unmut macht sich in der Bevölkerung breit. Seit vor einigen Tagen Frankreichs Bonität von der Ratingagentur Standard & Poor’s von AA+ auf AA herabgestuft wurde, häufen sich die schlechten Nachrichten.

Nach ersten Schätzungen des französischen Statistikamtes Insee ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im dritten Quartal um 0,1 Prozent gefallen, wurde am Donnerstag bekannt. Dabei hatte Frankreichs Regierung seit dem positiven zweiten Quartal, in dem es einen Anstieg von 0,5 Prozent gab, mit einem Aufwärtstrend oder zumindest einer Stabilisierung gerechnet. Politiker der konservativen Oppositionspartei UMP wie der ehemalige Premierminister Jean-Pierre Raffarin sprechen schon von einem „Koma“, das der französischen Wirtschaft drohe.

Explosive Stimmung in Frankreich von Gewerkschaftern angeheizt

Das Statistikamt Insee hat passend dazu seinen diesjährigen Bericht über den Zustand der französischen Gesellschaft veröffentlicht. Das Ergebnis zeigt Frankreich in einer nicht enden wollenden Krise. Ein halbes Dutzend Zahlen verdeutlicht besonders den Abrutsch innerhalb eines Jahres: Die Arbeitslosigkeit ist um 0,6 Prozent gestiegen. Die Zahl der Menschen, die unter der Armutsgrenze leben, um 0,3 Prozent. Die Franzosen, die im öffentlichen Dienst arbeiten, verdienen 0,7 Prozent weniger, in der Privatwirtschaft stagniert der Verdienst. Seit 1995 waren die Gehälter dagegen im Durchschnitt um 0,7 Prozent im Jahr gestiegen. Die Franzosen konsumieren deshalb 0,4 Prozent weniger, betroffen ist vor allem die Automobilindustrie. Als Folge der steigenden Immobilienpreise wird es immer schwieriger, Eigentum zu erwerben. Die Kreditdauer für den ersten Immobilienerwerb ist von 20 Jahren im Jahr 2005 auf 25 Jahre gestiegen. Und für Mieten müssen schon 27 Prozent des Einkommens aufgewendet werden.

Gleichzeitig wurde ein alarmierender Bericht von Frankreichs Präfekten bekannt. Sie beschreiben in einem Brief an die Regierung eine Gesellschaft, die verzweifelt ist. Teile aus ihrer eigentlich geheimen Warnung wurden in der französischen Presse bekannt. Danach gehen die Präfekten davon aus, dass die Stimmung, die zu Unruhen und gewalttätigen Protesten in der Bretagne geführt hat, nicht nur auf die Region begrenzt ist. Sie befürchten, dass sich die Lage in Frankreich radikalisieren könnte, weil sich die schlechten Nachrichten häufen. Die „Erbitterung und Wut“ im Lande sei groß, heißt es in dem Schreiben der Präfekten.

Das Klima in Frankreich ist höchst explosiv. Laut Umfragen glauben schon 72 Prozent der Franzosen, dass die sozialen Probleme eine große Protestwelle auslösen könnten. Gewerkschafter heizen die Stimmung weiter an und sprechen schon von einem „Gefühl der Revolte“.

Die Proteste in der Bretagne könnten sich ausweiten

Seit in der Bretagne gegen die Ökoabgabe für Lastwagen protestiert wurde, ist Frankreich in Unruhe. Lastwagenfahrer aus anderen Regionen haben sich dem Protest schon angeschlossen und blockierten Autobahnen. Die Ökosteuer war aber nur der Auslöser, der Protest kann sich leicht ausweiten, weil überall Unmut über Steuererhöhungen herrscht. Dazu kommen die hohe Arbeitslosigkeit und ständig neue Stellenkürzungen. In der Bretagne blockierten entlassene Arbeiter deshalb schon Fleischbetriebe.

Präsident François Hollande gerät auf allen Fronten immer mehr in Bedrängnis und wirkt hilflos. Er kann nach nur anderthalb Jahren im Amt kaum noch agieren, sondern nur noch reagieren. Er versucht, hier und da ein wenig zu stopfen – in der Hoffnung, die Stimmung im Land zu beruhigen. Seine Maßnahmen, mit denen er die Wirtschaft wieder ankurbeln will, scheinen bisher wenig Wirkung zu zeigen. Größere Strukturreformen kann er kaum noch in Angriff nehmen, denn seine Beliebtheit ist mittlerweile mit nur noch 21 Prozent auf dem Tiefpunkt angekommen.

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