Politik : Franziskus bei Franziskus

Der Papst am Grab von Italiens Nationalheiligem in Assisi – doch die programmatische Rede bleibt aus.

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Rosen in den Farben des Vatikans für einen, der Armut predigte und lebte. Papst Franziskus in der Grabkirche des heiligten Franziskus in Assisi, begleitet von Kardinälen. Foto: dpa Foto: dpa
Rosen in den Farben des Vatikans für einen, der Armut predigte und lebte. Papst Franziskus in der Grabkirche des heiligten...Foto: dpa

Viele Blumen hat Jorge Mario Bergoglio in seinem Leben wohl noch nicht überreicht. Den dünnen Strauß gelber und weißer Rosen in seiner linken Hand schwenkt er so nachlässig, als wär’s ein Büschel Gras. Unter Giottos prachtvollen mittelalterlichen Fresken steigt er steil hinab – die Hüfte schmerzt sichtbar – in eine steinern-nackte Krypta. Dort legt er die Rosen nieder. Auf der Grabplatte nur ein Namensschild: „Francesco 1182–1226“. Nichts weiter. Davor kniet nun der andere Francesco.

Da unten am Grab aber hält er sich nicht lange auf. Es ist eher eine protokollarische Pause als meditatives Gedenken an einen Mann, der vor 800 Jahren der Kirche jenen Schwung eingehaucht hat, den viele heute von diesem Papst erwarten. Franziskus bei Franziskus – nicht wenige Italiener haben in diesem „Gipfeltreffen“ schon vor Monaten eine Erfüllung aller ihrer Träume von neuer Kirche und sanfter Gesellschaft gesehen. Schließlich ist Franz von Assisi auch der Nationalheilige – und dies sein Festtag.

Es hätte ein Volksfest werden können; Assisi ist an diesem 4. Oktober voller Pilger, voller Fans. „So viele habe ich noch nie gesehen“, sagt der Pressepater des Franziskanerkonvents, Enzo Fortunato, „nicht einmal als Johannes Paul II. und Benedikt XVI. hier waren.“ Doch aller Rummel bleibt aus. Die Nationaltrauer um die Hunderten von Toten vor Lampedusa dringt bis in den Gottesdienst auf dem Hof der großen Basilika und in das Treffen des Papstes mit Armen. „Es ist ein Tag des Weinens“, sagt Franziskus.

Ganz still fängt er schon an, als er am frühen Morgen, noch früher als geplant, aus Rom einfliegt. Im „Serafico“-Zentrum trifft Franziskus behinderte oder dauerhaft kranke Kinder und Jugendliche. Dort fühlt sich der Papst wohl. Er herzt, er küsst, er streichelt, schüttelt Hände, und auch wenn er sein Manuskript zur Seite legt, in dem er seine Fahrt als „Pilgerreise der Liebe“ darstellen will – das versteht jeder auch so. Papst Franziskus liebt es, den Heiligen zu zitieren: „Verkündet das Evangelium! Wenn es sein muss, sogar mit Worten.“

Die acht Kardinäle, die mit ihm in den vergangenen drei Tagen im Vatikan über eine Kirchen- und Kurienreform diskutiert haben, sind an der Seite des Papstes. „Die waren halt zufällig in Rom“, schwächt Pressesprecher Federico Lombardi ab. Aber bei diesem Papst, so wie man ihn mittlerweile kennt, liegt der Gedanke durchaus nahe, dass eine Kirchenreform auch von hier ausgehen muss: von der Nähe zu den Schwachen und Benachteiligten und vom persönlichen Beispiel.

Doch nur eine Stunde später enttäuscht Franziskus viele Erwartungen. Was war in den italienischen Medien nicht alles über eine „historische Rede“ spekuliert worden, die der Papst just an der Stelle halten sollte, an welcher der heilige Franziskus einst seinem schwerreichen Vater alles vor die Füße warf – alle Kleider, bis er nackt dastand, ohne alles – und wo er dieser Welt den Abschied gab, um allein das Evangelium der Armut zu leben! Der Papst würde seine Kirche geißeln, sie solle ihre Reichtümer verkaufen! Er würde die franziskanische Revolution ausrufen!

Genau dem verweigert sich Franziskus. Müde wirkt er auf einmal. Wieder hält er sein Manuskript zusammengerollt in der Hand und ringt spontan nach jedem Wort. Nein, so einfach will er’s nicht machen: Die Kirche müsse sich entkleiden, gewiss, „aber die Kirche sind nicht nur Priester, die Nonnen, die Bischöfe, sondern wir alle“. Und dann redet Franziskus an diesem Freitag überhaupt nicht von Reichtümern. „Wir als Kirche müssen uns entkleiden vom Geist der Welt. Von aller Tätigkeit, die nicht für Gott ist. Von der Angst, die Türen zu öffnen und hinauszugehen zu den Bedürftigen und den Fernen. Von der Ruhe, die uns unsere Strukturen nur vorspiegeln.“ Es geht nicht darum, sagt Franziskus, „sich von 20 Lire zu entkleiden, sondern von der Eitelkeit, der Präpotenz, dem Stolz. Das ist der Geist der Welt, das ist Götzenverehrung, damit können Christen nicht leben“. Und gerade, „wenn sich Priester auf diesen Weg begeben“, fährt der Papst fort. „... das ist ein mörderischer Geist. Ein Geist, der tötet.“

Und auch danach folgen in Assisi keine Worte der Anklage. Nur der Trauer. Über eine Welt, in der Menschen aus Angst vor Sklaverei und Krieg fliehen müssen: „Viele finden dabei den Tod wie jetzt vor Lampedusa.“

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