Politik : Französische Kommunalwahlen: Die Entscheidung

Eric Bonse

Die Franzosen haben am Sonntag den zweiten und entscheidenden Wahlgang der landesweiten Kommunalwahlen absolviert. Obwohl der Urnengang als Auftakt zum "Superwahljahr" 2002 mit Präsidentschafts- und Parlamentswahlen gilt, war die Wahlbeteiligung zunächst schwach: Nur 20,2 Prozent der Wahlberechtigten hatten bis Mittag ihre Stimme abgegeben. Lediglich in Paris, Lyon und Toulouse drängten sich die Citoyens in den Wahllokalen. In diesen drei Hochburgen der bürgerlichen Rechten galt ein Machtwechsel zugunsten der landesweit regierenden Linken um Premierminister Jospin als wahrscheinlich.

In Paris verfügte der sozialistische Bürgermeister-Kandidat Bertrand Delanoe nach dem ersten Wahlgang über einen rechnerischen Vorsprung in 12 von 20 Stadtbezirken. Sollte sich Delanoe auch im zweiten Wahlgang durchsetzen, wäre dies der erste Sieg der Linken in der Hauptstadt seit der Pariser Kommune, die vor genau 130 Jahren begann. Zudem könnte sich Delanoe als symbolischer Sieger über Staatspräsident Jacques Chirac fühlen, der das Pariser Rathaus bis 1995 geführt und ein skandalträchtiges System gaullistischer Vetternwirtschaft aufgebaut hatte. Sollte sich hingegen Chiracs bürgerliche Rechte durchsetzen, droht ein Machtkampf zwischem dem gaullistischen Spitzenkandidaten Philippe Seguin und dem amtierenden Bürgermeister Jean Tiberi. Sie hatten sich zwar vor dem zweiten Wahlgang überraschend ausgesöhnt, zugleich aber beide ihren Führungsanspruch für die Hauptstadt bekräftigt.

Ein Sieger der Kommunalwahlen stand bereits am Sonntag fest: die Frauen. Zum ersten Mal in der französischen Wahlgeschichte waren die Parteien verpflichtet, ebenso viele Frauen wie Männer als Kandidaten aufzustellen. Die meisten Spitzenkandidaten gehörten zwar, wie in Paris, erneut zum männlichen Geschlecht. Dennoch dürfte Frankreich mit den Kommunalwahlen seinen Rückstand bei der politischen Gleichstellung der Frauen aufholen. Als klarer Verlierer gilt dagegen die französische Justiz. Denn in mehreren Städten setzten sich Kandidaten durch, gegen die Ermittlungsverfahren wegen Korruption und Veruntreuung eingeleitet worden waren. Das prominenteste Beispiel ist der Pariser Noch-Bürgermeister Tiberi: Obwohl er unter dem Verdacht steht, Wahllisten im 5. Pariser Bezirk gefälscht zu haben, wurde Tiberi dort im ersten Wahlgang mit mehr als 40 Prozent der Stimmen triumphal bestätigt.

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