Politik : Französisches Roulette

Erst jetzt bekannt gewordene Dokumente belegen: Paris ignorierte die Risiken seiner Atomtests im Südpazifik

Florian Oel

Der Satz umschreibt das Vorgehen der französischen Behörden bei ihren ersten Atombombentests im Südpazifik klar und deutlich: „Eine vorsorgliche Evakuierung der Bevölkerung der Gambier-Inseln vor einer Versuchsexplosion ist aus politischen und psychologischen Gründen ausgeschlossen.“ Die Gambier-Inseln liegen nur wenige hundert Kilometer vom Mururoa-Atoll entfernt, in dem die französische Regierung zwischen 1966 und 1996 insgesamt 178 Atomtests durchgeführt hat. Dorthin, weit entfernt vom Mutterland und von Europa, hatte man die Atombombenversuche verlegt, nachdem es bei einem Test in der algerischen Wüste zu einem Unfall gekommen war.

Das Zitat stammt aus einem von rund 20 geheimen Militärdokumenten von 1966, die nun veröffentlicht wurden. Publik gemacht hat sie das Dokumentations- und Forschungszentrum für Frieden und Konflikte (CDRPC) in Lyon. Die Berichte beschreiben unter anderem den nuklearen Niederschlag nach den Atomtests und die Auswirkungen auf Menschen, Fauna und Flora.

Es ist das erste Mal, dass eine so große Zahl an Dokumenten über die französischen Nuklearversuche an die Öffentlichkeit gelangt – denn sie unterliegen bis heute strenger Geheimhaltung. Die französische Regierung weigert sich, sie zu veröffentlichen – mit dem Hinweis, andere Staaten könnten sie zum Atombombenbau missbrauchen. Wie das Forschungszentrum an die Unterlagen gekommen ist, will es daher nicht sagen: „Wir haben sie per Post erhalten“, ist lediglich zu erfahren.

Die Dokumente belegen: Den französischen Behörden waren von Anfang an die Folgen ihrer Atomtests bekannt. Die Regierung wusste, dass die Bevölkerung der umliegenden Inseln durch den nuklearen Niederschlag nach den Explosionen gefährdet war. Und sie zeigen ebenso, dass dies in Kauf genommen wurde – die Entwicklung der Force de Frappe habe Vorrang gehabt, schreibt das CDRPC.

Das Forschungsinstitut wirft der Regierung vor, die öffentlichen Informationen manipuliert zu haben. „Die Informationen, die an die Bevölkerung weitergegeben wurden, waren beschwichtigend. Es wurde verkündet, dass kein Risiko bestehe“, kritisiert Patrice Bouveret vom CDRPC im Gespräch mit dem Tagesspiegel. „Die gleichen Personen aber, die in der Öffentlichkeit die Risiken herunterspielten, kannten die Informationen aus den geheimen Dossiers.“

Die Dokumente belegen auch dies: Sollte es zu nuklearem Niederschlag kommen, heißt es in einem Bericht, müsste dies als Unfall eingestuft werden. Die betroffene Region hätte evakuiert werden müssen. Geschehen ist dies nicht. Ein nach einem Atomtest erstelltes Dokument beschreibt die Lage auf den Gambier-Inseln. Die Strahlenbelastung sei sehr hoch – doch die Bevölkerung sei „absolut unwissend, sorglos und zeigt nicht die geringste Neugierde“.

Die Forscher am CDRPC haben die Belastung für diesen Atomtest exemplarisch nachgerechnet. Das erschreckende Ergebnis: Am 2. Juli 1966 war die Strahlung auf der Insel Mangareva 142 mal so hoch wie in Tschernobyl nach dem Reaktorunglück im Jahr 1986.

Das Verteidigungsministerium hat auf die Veröffentlichung der Dokumente inzwischen reagiert. Die Schutzmaßnahmen für die lokale Bevölkerung hätten exakt denjenigen für die Soldaten und Zivilangestellten der Armee entsprochen. Das kann der Forscher Bouveret zwar bestätigen, aber: „Auch für Armeeangehörige waren die Schutzmaßnahmen überhaupt nicht ausreichend. Daher ziehen in Frankreich schon seit Jahren viele Betroffene vor Gericht.“

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