Politik : Frauen in Afghanistan: Zwischen zwei Übeln

Ruth Ciesinger,Claudia von Salzen

Bis 1992 war Shafiqua Razmenda Frauenbeauftragte in Afghanistan. Dann stürzten die Mujahedin die moskautreue Regierung, und für Frauen änderte sich das Leben grundlegend. Denn die Situation der Frauen in Afghanistan ist nicht erst seit der Machtübernahme der Taliban katastrophal. Bereits unter dem Regime der Mujahedin, das jetzt zum größten Teil die so genannte Nordallianz stellt und von den USA unterstützt wird, wurden Frauen zwangsverheiratet und es gab Massenvergewaltigungen, berichtet die Frauenärztin Razmenda.

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Umfrage: Befürchten Sie eine Eskalation der Gewalt? "Nirgendwo sonst müssen Frauen so leiden wie unter den Taliban", sagt Razmenda, die seit 1996 in Deutschland lebt. Aber sie glaubt, dass die fundamentalistischen Gotteskrieger eine Folge der Mujahedin sind - nur noch viel extremistischer. Bis 1992 war Razmenda Mitglied der Volksdemokratischen Partei. Nach dem Sturz der Regierung Najibullah durch die Mujahedin durften Frauen dann nicht mehr mit Männern im selben Bus fahren oder zusammenarbeiten. Die Journalistin Fausa Hadi erzählt, wie ein fünfzehnjähriges Mädchen mit vorgehaltenem Gewehr gezwungen werden sollte, einen 40-jährigen Mann zu heiraten. Das Mädchen stürzte sich aus dem Fenster. "Solche Fälle hat es viele gegeben", sagt Hadi. Sie selbst wurde daheim von ihrem Vater bewacht, damit sie nicht von fremden Männern entführt und vergewaltigt wurde. Seit der Machtübernahme durch die Taliban haben Frauen in Afghanistan überhaupt keine Rechte mehr. Sie dürfen nicht arbeiten und können nur mit Ganzkörperschleier und männlicher Begleitung auf die Straße.

Für die Zeit nach den Taliban sehen Razmenda und Hadi nur eine Alternative: eine Übergangsregierung, die nicht nur aus dem Exil-König Zahir Schah und der Nordallianz besteht, sondern aus "allen afghanischen Parteien und Stämmen".

Vor einer engen und allzu unkritischen Zusammenarbeit mit der Nordallianz warnt auch die Menschenrechtsoganisation Human Rights Watch. Einige der lokalen Machthaber hätten schwere Menschenrechtsverletzungen begangen, warnte die Organisation am Wochenende. Nach dem Abzug der sowjetischen Truppen und dem Sturz der moskautreuen Regierung führten die verschiedenen Mujahedin-Gruppen einen erbitterten Bürgerkrieg gegeneinander - dabei begingen alle Seiten schwere Menschenrechtsverletzungen: Angriffe auf Zivilisten, Flächenbombardements, Hinrichtungen, Vergewaltigungen. Nachdem die Taliban im September 1996 Kabul erobert hatten, schlossen sich deren Gegner, darunter Tadschiken, Usbeken und Hazara, zur Nordallianz zusammen. Auch im Gebiet dieses Bündnisses kam es nach Angaben von Human Rights Watch zu Übergriffen auf die Zivilbevölkerung. So berichteten Flüchtlinge aus der Region um Sangchak, dass Kämpfer der Nordallianz zwischen Ende 1999 und dem Frühjahr 2000 Dorfbewohner hinrichteten, Häuser in Brand steckten und plünderten. Die meisten Opfer hätten zur Volksgruppe der Paschtunen gehört - der Gruppe, die in Afghanistan die Mehrheit stellt und der die Taliban angehören.

Für die USA sind diese Berichte keineswegs neu: Auch die Menschenrechtssituation in den Gebieten außerhalb der Kontrolle der Taliban sei extrem schlecht, so die Bilanz des State Department im Länderbericht 2000 zu Afghanistan. "Massuds Truppen und die Nordallianz begingen zahlreiche ernsthafte Verletzungen (der Menschenrechte)."

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