Frauen in der Neonazi-Szene : „Die Waffe bin ich selbst“

01.12.2011 11:14 UhrVon Armin Lehmann

Immer mehr Frauen drängen in die NPD. Und Ricarda Riefling ist Mitglied des Bundesvorstands. Begegnung mit einer vierfachen Mutter mit extremen Ansichten.

Immer mehr Frauen wollen in der NPD an die Spitze.

Die Wahrheit ist, dass die NPD die Überhöhung der Mutterschaft zu einem der wichtigsten Instrumente ihres politischen Kampfes gemacht hat. Auch deshalb ist eine Beate Zschäpe, kinderlos, aus Rieflings Sicht unwürdig für den nationalen Widerstand. Ricarda Riefling aber ist zu einer idealen Verfechterin dieser Politik herangewachsen, die von einem thüringischen NPD-Frauen-Netzwerk so kommentiert wird: „Gerade als Frauen tragen wir die Pflicht, unser Volk nicht aussterben zu lassen. Wir sind es, die die ehrenvolle Aufgabe haben, ein Volk großzuziehen und es zu formen. Doch leider zählt dies in der heutigen Zeit nicht mehr allzu viel. Man will keine deutschen Familien, wo Kindern noch nationale Identität gegeben wird. Diese Gesellschaft hetzt systematisch Mann und Frau gegeneinander auf.“

Ricarda Riefling sagt, der Nationalismus sei keine Geschlechterfrage. Und dieser Satz ist durchaus als Drohung an die Männer ihrer Partei zu verstehen. Denn während sich viele Frauen in der rechtsextremen Bewegung bis Ende der 90er Jahre mit der Mitläuferrolle begnügten, hat die neue Generation der Frauen um Ricarda Riefling und anderen Funktionärinnen sich den Gang durch die Parteiinstanzen zum Ziel gesetzt.

Bis zu 30 Prozent der Mitglieder der NPD, etwa in Thüringen, sind weiblich, 25 Prozent sind es in Niedersachsen, immer mehr Frauen sind in Parteiämtern aktiv. Die „quantitative und qualitative Beteiligung“ von Frauen, so formuliert es der Verfassungsschutz umständlich, steige stetig. Aber das Rollenverständnis bleibe gleich. Wenn sich die Geheimdienstler da mal nicht irren.

Riefling kann sich vorstellen, dass irgendwann einmal „eine Frau Vorsitzende der NPD wird“. Der „Ring Nationaler Frauen“, in dem Riefling genauso aktiv ist wie in der noch immer männerdominierten NPD, mischt sich ein nach dem Motto „antifeministisch, traditionsbewusst und volkstreu“. Geschickt docken diese Frauen in der Gesellschaft an, gehen als Elternvertreter in Schulen, Kitas oder Sportvereine. Auch Riefling war als ehrenamtliche Betreuerin einer Kinder-Schwimmgruppe aktiv, bis sie geoutet wurde. Der gesellschaftliche Diskurs wird unnachgiebig für die eigene Sache benutzt und Protagonisten aus dem demokratischen Lager vereinnahmt.

Von Christa Müller etwa, Ex-Frau von Oskar Lafontaine und ehemalige familienpolitische Sprecherin der Linken im Saarland, war Riefling „begeistert“. Müller hatte in ihrer aktiven Zeit ein sozialversicherungspflichtiges Erziehungsgehalt in den ersten drei Lebensjahren des Kindes in Höhe von 1600 Euro im Monat und bis zum sechsten Lebensjahr 1000 Euro für alle Eltern gefordert und erläutert, „auf dieser finanziellen Grundlage können dann die Eltern selbstbestimmt entscheiden, was sie mit dem Geld machen“. Riefling sagt, was viele denken, dass nämlich die Wahlfreiheit von Eltern gar nicht existiere. Ein Kind, findet sie, gehöre in den ersten drei Jahren in keine Krippe, sondern zur Mutter. Wer wollte einer solchen Frau Gewaltbereitschaft unterstellen?

Mit 14 Jahren hört sie rechten Hardrock, geht auf Konzerte und trinkt mit den örtlichen Skinheads im heimatlichen Peine abends Bier an einem See. Sie hat keine Berührungsängste mit den harten Jungs, sie hat in der Familie ohnehin nur Brüder, sie spielt als einziges Mädchen Fußball, und sie sagt, sie wollte genau wissen, was diese Rechten, „diese verruchten, verbotenen Typen“, eigentlich tun. Und so reist sie 1997 mit einigen Skinhead-Freunden nach Dänemark und nimmt am „Rudolf-Heß-Gedenkmarsch“ teil. Die Rechten skandieren: „Rudolf Heß – das war Mord!“ Sie findet es faszinierend, „dass Menschen sich so für ihre Sache einsetzen“.

Ricarda Riefling sagt, es stimme nicht, dass ihr Vater ein bekennender Republikaner war, wie ein Journalist schrieb. Ihre Eltern seien unpolitisch gewesen, die Mutter eine Grüne, ihr Elternhaus intakt, „überzeugte Ökos“, wie sie es beschreibt, die Selbstanbau betreiben und keinen Fernseher haben. Die Eltern lassen die Tochter gewähren und eintauchen in die rechte Welt. Als sie schwanger wird von einem Mann aus der Szene, lassen die Eltern sie nicht fallen, sie macht die Schule zu Ende und schließt mit 21 eine Ausbildung zur Sozialassistentin ab. Dann beginnt sie zu studieren, heiratet Dieter Riefling, einen Bäcker und seit vielen Jahren umtriebigen Aktivisten der Neonazi-Szene, der schlimme Hassreden auf Veranstaltungen hält, die sie organisiert. Sie bekommt mit ihm drei weitere Kinder. Sie sagt, „ich bin das Geschenkpapier und er die Alufolie“.

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