Frauen und Karriere : Immer noch bei Barbie

Gabriela Häfner und Bärbel Kerber schnüren in ihrem Buch das innere Korsett der Frauen ein wenig zu eng. Eine Rezension

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Veranstaltung "Für Toleranz und Gleichstellung - gegen Fundamentalismus, Fanatismus und Frauenfeindlichkeit" zum Weltfrauentag am 8.3.2015 im Berlin Tempdrom.
Veranstaltung "Für Toleranz und Gleichstellung - gegen Fundamentalismus, Fanatismus und Frauenfeindlichkeit" zum Weltfrauentag am...Foto: dpa

Allein das Schlusswort. „Wenn wir es ernst meinen mit der Emanzipation, reichen die Frauenquote, der Ausbau der Kita-Plätze und der jährliche ,Girls‘-Day nicht aus. Vielmehr müssen wir unsere Denkweisen gehörig ausmisten und die Bilder in unseren Köpfen neu besetzen: mit Frauen, die sowohl fürsorglich als auch fordernd, neben passiv auch aktiv und nicht nur leise, sondern auch laut sein dürfen.“ Jahrzehntelang kämpften Frauen für das Recht, ebenso langweilig zu sein wie Männer. Hier nun das eindrückliche Ergebnis.

Das Leben als Wettrennen bis zur finalen Champagnerdusche

Gabriela Häfner und Bärbel Kerber haben mit „Das innere Korsett. Wie Frauen dazu erzogen werden, sich ausbremsen zu lassen“ ein Buch geschrieben, das man wohl als Bestandsaufnahme bezeichnen kann. Die Autorinnen sammelten Studie um Studie, einige davon wurden bereits ausführlich besprochen und in einen weitaus originelleren Kontext gesetzt, zum Beispiel von Natasha Walter in „Living Dolls“. Überhaupt hat man beim Lesen über weite Strecken den Eindruck, das Beschriebene bereits zu wissen – wer in letzter Zeit in der Spielwarenabteilung war, weiß, dass dort streng nach Hellblau und Rosa getrennt wird. Man kann darüber lästern, dass Mitglieder der Fußball-Nationalmannschaft sich mit Bauchmuskeln und geföhnten Haaren fotografieren lassen, um zu beweisen, dass sie trotz ihres Sports Frauen sind. Doch wer denkt heute noch ernsthaft an das „Barbie Dreamhouse“? Bei Häfner und Kerber hat das Eigenheim der amerikanischen Puppe offenbar mehr als nur einen Nerv getroffen.

All das Aufzählen der Stereotypen, die ach so belastende „Mehrfachbelastung“, die Neuroplastizität, das Aufpoppen von Sheryl Sandberg als Karrieremonster-Jack-in-a-Box und der Ruf nach längerer Elternzeit für die Väter lassen einen wie ein genervter Primarschüler ausrufen: „Jahaaa, hatten wir schon!“

Ihre Mieder sind bieder

Überhaupt – „sich ausbremsen lassen“: als sei das Leben der Große Preis von Monaco, ein Wettrennen bis zur finalen Champagnerdusche. Klar, Häfner und Kerber wenden sich wahrscheinlich an Frauen, die mit ihrer Lage unzufrieden sind und Ursachenforschung betreiben möchten. Doch wer sich aus Angst vor dem Urteil seiner Mitmenschen nicht traut, morgens im Schlafanzug die Kinder in die Kita zu bringen, dem ist ganz sicher mit dem Anschauen eines Patti-Smith-Videos zur Stärkung des Egal-Gefühls mehr geholfen. Geht auch schneller als die Lektüre des Buches. Der Eindruck, die Autorinnen steckten in ihrer Argumentation selbst in Korsetts, schnürt sich Seite um Seite zu.

Gabriela Häfner, Bärbel Kerber: Das innere Korsett. Wie Frauen dazu erzogen werden, sich ausbremsen zu lassen. C.H. Beck, München 2015. 217 Seiten, 14,95 Euro.
Gabriela Häfner, Bärbel Kerber: Das innere Korsett. Wie Frauen dazu erzogen werden, sich ausbremsen zu lassen. C.H. Beck, München...Foto: C.H.Beck

Mehr Luft! Ihre Mieder sind bieder. Sie lassen Statistiken sprechen, statt sich die Gründe der Frauen hinter den Zahlen anzuschauen. Warum muss es immer so ermüdend ums Große und Ganze gehen? Es fehlt an guten Vorbildern und schlauen Alltagskonzepten. Zudem vergessen sie die oftmals mangelnde Qualität der Betreuungseinrichtungen: Wer den Nachwuchs nur mit Bauchgrummeln in die Hände von Fischsuppe verfütternden Zeitarbeitern gibt, wird alles daran setzen, die Mittagspause auszulassen und im Büro möglichst früh den Stift fallen zu lassen. Gäbe es nicht nur einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz, sondern auch einen auf Kleinstgruppen, individuelle Betreuungszeiten und gesundes Essen, würde nicht nur der Schlechtes-Gewissen-Elternfraktion das Berufsleben deutlich erleichtert.

„Das innere Korsett“ steht stellvertretend für eine Debatte, die „wir“ längst hinter uns gelassen haben. Fast ist es so, als solle das immer gleiche Beschreiben des Status quo darüber hinwegtäuschen, dass das Ziel nicht klar identifiziert werden kann. Was das ist? Töchter können Mechatroniker werden, Söhne Krankenpfleger in Teilzeit. Dafür, und für den umgekehrten Fall, soll man kämpfen. Und für das Recht, extrem leise, passiv und fürsorglich sein zu dürfen.


– Gabriela Häfner, Bärbel Kerber: Das innere Korsett. Wie Frauen dazu erzogen werden, sich ausbremsen zu lassen. C.H. Beck, München 2015. 217 Seiten, 14,95 Euro.

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