Politik : Frei am 13. Tag

Die deutschen Geiseln werden in der Türkei medizinisch betreut / PKK: Wir haben sie gehen lassen

Gerd Höhler[Athen],Verena Friederike Hasel[Berlin]

Frank-Walter Steinmeier erfuhr die gute Nachricht als Erster. Am Sonntagvormittag klingelte sein Telefon. Am anderen Ende der Leitung war der türkische Amtskollege des Außenministers: „Deine drei Landsleute sind frei“, sagte Ali Babacan. Eine Stunde später bestätigte der Sprecher des türkischen Außenministeriums, Burak Özügergin: „Wir haben die deutschen Bergsteiger!“ Lars R. (33), Martin S. (47) und Helmut H. (65) seien in der Obhut der türkischen Sicherheitskräfte und wohlauf, sagte Özügergin. Auch die PKK bestätigte die Freilassung am Sonntagnachmittag, verbreitete aber über die Nachrichtenagentur Firat, sie hätten diese Entscheidung ohne Druck von außen getroffen.

Zur gleichen Zeit berichtete der Gouverneur der Provinz Agri, Mehmet Cetin, andere Details über die Befreiung der Geiseln: Ihm zufolge drohten Spezialeinheiten der Jandarma, der paramilitärischen Gendarmerie, den Entführern den Fluchtweg in den benachbarten Iran abzuschneiden. Daraufhin, sagt Cetin, hätten die Kidnapper die drei Deutschen auf einem Hügel zurückgelassen und seien geflüchtet. Etwa eine halbe Stunde später habe die Jandarma die Deutschen in die Stadt Dogubayazit nahe dem Berg Ararat gebracht. Diese türkische Version wird allerdings auch angezweifelt.

In Dogubayazit wurden die drei Bergsteiger am Sonntag medizinisch untersucht und von Beamten des Bundeskriminalamtes (BKA) und deutschen Diplomaten betreut. Gleich nach der Entführung hatte das BKA mehrere Beamte zum Ararat entsandt. Sie bemühten sich dort in Zusammenarbeit mit türkischen Behörden, Informationen über das Schicksal der Geiseln in Erfahrung zu bringen. Von Dogubayazit aus wurde die Suchaktion koordiniert. Dabei ging es vor allem darum, das Leben der Geiseln nicht zu gefährden.

Zwölf Tage waren die drei Männer in der Gewalt der Entführer gewesen. Sie gehörten zu einer Gruppe von 13 Bergsteigern aus Deutschland, die den 5165 Meter hohen Ararat in der Osttürkei besteigen wollten. Der höchste Berg des Landes, an dem nach der Überlieferung die Arche Noah nach der Sintflut gestrandet sein soll, ist bei deutschen Bergsteigern ein sehr beliebtes Ziel. Die Besteigung des erloschenen Vulkans gilt als nicht besonders schwierig, erfordert aber von den Kletterern eine gute Kondition.

Welche Risiken dennoch am Berg lauerten, ahnten die Männer nicht, als sie am 8. Juli in einem Basislager auf 3200 Meter Höhe Station machten. Dort erschienen am Abend fünf bewaffnete Rebellen der kurdischen Guerillabewegung PKK und verschleppten die drei Deutschen. Eine bereits Stunden später eingeleitete Suchaktion der türkischen Sicherheitskräfte blieb zunächst ergebnislos. Im Auswärtigen Amt in Berlin trat ein Krisenstab zusammen. Er bemühte sich in den folgenden Tagen auf zahlreichen geheim gehaltenen Kanälen um die Freilassung der drei Deutschen. Wenige Tage nach der Verschleppung bekannte sich die PKK zur Entführung der Bergsteiger. Als Bedingung für ihre Freilassung forderte die Organisation, die Bundesregierung müsse ihre „feindliche Politik gegenüber dem kurdischen Volk und der PKK“ ändern – ein Erpressungsversuch, den die deutsche Bundesregierung zurückwies. Die PKK ist in Deutschland seit 1993 verboten. Seit 1998 gilt sie nur noch als kriminelle und nicht mehr als terroristische Vereinigung.

Die drei entführten Männer stammen aus Bayern. Der 65-jährige Helmut H. aus Abensberg, einem Ort mit knapp 13 000 Einwohnern südlich von Regensburg, führte die Expedition an. Er gilt als erfahrener Bergsteiger und leitet die regionale Sektion des Deutschen Alpenvereins. Bis zu seiner Pensionierung arbeitete er 33 Jahre lang in einer Erdölraffinerie, vertrat im Stadtrat einige Jahre die SPD und bekam von seiner Gemeinde für sein soziales Engagement die goldene Verdienstmedaille verliehen. Helmut H. hat zwei erwachsene Kinder, sein Sohn war unter den Tourmitgliedern.

Der zweite Entführte, der 33-jährige Lars R., war ein früherer Arbeitskollege von Helmut H. und arbeitet als Produktionsleiter in einer Saline in Oberbayern. Vor neun Monaten ist er Vater einer Tochter geworden. Bei der dritten Geisel handelt es sich um den 47-jährigen Martin S., einen Ingenieur aus Ingolstadt.

Die drei Männer hatten sich den Geiselnehmern offenbar freiwillig angeboten, um die restlichen Teilnehmer zu schützen. So ein Verhalten passe zu ihrem Bruder, hatte die Schwester von Helmut H. gesagt: „Er ist sehr, sehr abgeklärt.“ Der Abensberger Bürgermeister Uwe Brandl bestätigte diese Einschätzung: „Er hat sich immer vor andere gestellt.“ Nach der Befreiung rief er die Öffentlichkeit auf, die Entführten zur Ruhe kommen zu lassen. „Sie müssen die Chance bekommen, unbehelligt von Dritten die dramatischen Ereignisse zu verarbeiten“, sagte Uwe Brandl.

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