Politik : Frei und weg

Der mutmaßliche DDR-Auftragsmörder ist entlassen – der Generalbundesanwalt ermittelt weiter

Matthias Schlegel

Vor kurzem noch galt Jürgen G. als Mörder von 25 Menschen und saß in Haft. Seit Mittwochmittag, 12 Uhr, ist er wieder ein freier Mann. Seit dem Jahr 2000 hatten Bundesanwaltschaft und Bundeskriminalamt gegen den heute 53-jährigen mutmaßlichen DDR-Auftragsmörder ermittelt. Am 22. September 2003 wurde er in einer filmreifen Aktion von einem Sondereinsatzkommando des Bundeskriminalamtes bei der Arbeit in einem Yachthafen in Kleinzerlang bei Rheinsberg überwältigt und verhaftet. Seine Anwältin Barbara Petersen, die Anfang Dezember die Aufhebung des Haftbefehls beantragt hatte, wurde von der Entwicklung überrascht: Erst als G. schon draußen vor den Toren der Haftanstalt Moabit stand, erreichte sie das Telefonat ihres Mandanten.

Generalbundesanwalt Kay Nehm selbst hatte die Aufhebung des Haftbefehls veranlasst. Es bestehe kein dringender Tatverdacht mehr, weil G. keine Mitwirkung an einer konkreten Tötung nachgewiesen werden könne. Es werde jedoch weiter gegen ihn ermittelt. Eine Sprecherin der Bundesanwaltschaft sagte dem Tagesspiegel, es gebe „vielfältige Ermittlungsansätze, denen jetzt in kriminalistischer Kleinarbeit nachzugehen“ sei.

G.s Anwältin ist hingegen der Meinung, dass die Fortführung der Ermittlungen „nur die Tatsachen zuschütten soll“. Der gesamte Vorgang sei eine „Luftnummer“ gewesen, sagte sie dem Tagesspiegel: „Mein Mandant ist Klempner und kein Killer.“ Die Bundesanwaltschaft habe sich „total vergaloppiert“.

Freilich räumt sie ein, dass sich der 53-Jährige selbst in seine missliche Lage gebracht habe. In seinem Freundeskreis hatte er vor Jahren einem zufälligen Bekannten sensationell wirkende Storys über angebliche Morde erzählt, die er im Auftrag von DDR-Dienststellen auf dem Gebiet der Bundesrepublik verübt haben will. Der Bekannte hatte offenbar in dem Mann die Hoffnung geweckt, er könne ihm wegen dessen speziellen Agenten-Erfahrungen einen Geheimdienst-Job vermitteln. Er schaltete jedoch die Bundesanwaltschaft ein. Diese setzte einen als CIA-Agenten getarnten Mitarbeiter auf G. an, der eine Anwerbung fingierte. In zahlreichen Gesprächen und mit kleinen Aufträgen, etwa dem Leeren von toten Briefkästen, wurde G. bei der Stange gehalten, immer in der Hoffnung, dass er weitere Einzelheiten über sein Vorleben preisgeben würde.

Denn dass es im DDR-Regierungsapparat ein Sondereinsatzkommando gab, das offenbar auch die Liquidierung missliebiger Personen in der Bundesrepublik geplant hatte, galt bei Historikern und Ermittlern als unstrittig. Außerdem waren manche mysteriöse Todesfälle von Regimegegnern registriert worden, die nie aufgeklärt worden waren.

Vor diese zeitgeschichtliche Kulisse stellte sich nun also G. mit seiner von ihm als karrierefördernd vermuteten Selbstbezichtigung – und löste langwierige intensive Ermittlungen aus. So seien G.s gesamter Familien-, Freundes- und Kollegenkreis über Jahre hinweg observiert worden, sagt Petersen. Nicht zuletzt diese Tatsache mache es ihrem Mandanten unmöglich, wieder in sein bisheriges Lebensumfeld zurückzukehren. Seinen Aufenthaltsort hält er geheim.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben