Politik : Freie Fahrt für Rot

Robert Birnbaum

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Damals bei uns in der kleinen Stadt, da gab es solche, die gingen zu Rats Bauer, und solche, die gingen zu Schmitts Tante. Beide lagen zwei Minuten zu Fuß auseinander am Alten Markt, beide waren in altdeutschem Stil möbliert. Aber beide trennten Welten. Denn bei Rats Bauer – der so hieß, weil dahinter jahrelang ein Pferd, ein paar Kühe und Schweine einen Bauernhof imitierten – floß Veltins aus dem Zapfhahn. Bei Schmitts Tante aber stand ein Fass Warsteiner unter der Theke. Gegen den kalten Krieg zwischen westfälischen Biertrinkern war der richtige ein Friedenscamp. Warum wir das erzählen? Weil es im Reichstag zwei große Fahrstuhlschächte gibt. In denen laufen je zwei Fahrkörbe bis hinauf zur Fraktionsebene. Der eine Doppel-Aufzug mündet am Fraktionssaal der CDU/CSU, der andere gegenüber bei der SPD. Im Lauf der Jahre nun hat sich aus diesem Zufall der Architektur eine strenge Trennung herausgebildet, dergestalt, dass die Lifte inzwischen bekannt sind als „der schwarze“ und „der rote“. Das mag anfangs zu tun gehabt haben mit kurzen Wegen, hat inzwischen aber ideologische Züge angenommen. Am Dienstag stand bei den Schwarzen einer der beiden Lifte still. Unten im Erdgeschoss hielten vier befrackte Saaldiener den Fahrkorb fest, damit der Bundespräsident als Ehrengast der 17.-Juni-Feier freie Fahrt haben möge. Oben ging die Fraktionssitzung der Union zu Ende. Stau vor dem Lift. Immer größerer Stau vor dem Lift!

Drüben bei den Roten dagegen – Leere, freie Fahrt. Aber die sich da stauen, sie schauen nicht hinüber. Nur ein paar Jüngere wenden sich nach links. „Wir nehmen den roten!“ sagt einer. Er klingt kühn und schuldbewusst zugleich.

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