Freie Uni : "Feuer unterm Hintern"

Hans Monath über einen Auftritt der beiden Sozialdemokraten Sigmar Gabriel und Frank-Walter Steinmeier vor protestierenden Studenten in der Freien Universität.

Hans Monath
SPD Freie Uni
Frank-Walter Steinmeier (r.) und Sigmar Gabriel. -Foto: ddp

Eigentlich braucht der neue SPD-Parteichef keine Vorlage, um seine Zuhörer für sich einzunehmen. Wenn sie ihm aber frei Haus geliefert wird, dann verwertet er sie sofort. „Ich übergebe an Sigmar Gabriel“, kündigt der forsche Studentenvertreter im Hörsaal A des Henry-Ford-Baus der Freien Universität (FU) an. Den Namen Gabriel spricht er dabei so englisch aus, als ob es um Peter Gabriel, den Sänger, ginge und nicht um den Sozialdemokraten aus Goslar. Der nimmt den Ball gleich auf und ulkt: „Die Anglifizierung ist offenbar im Bachelorstudium weit fortgeschritten.“ Die Studenten in den voll besetzten Reihen, die schon bei der Begrüßung kräftig applaudiert haben, klatschen und lachen.

Zu zweit sind Gabriel und SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier an diesem Dienstagmittag hinaus nach Dahlem gefahren, um sich den Argumenten der Studenten zu stellen, die seit Wochen gegen schlechte Studienbedingungen und vor allem gegen Fehlentwicklungen bei der Bachelorausbildung protestieren. Zunächst gibt es zur Begrüßung durchaus Saures vom Vertreter der Juso-Hochschulgruppe, die beide eingeladen hat. „Befremdlich, maßlos und enttäuschend“ sei es, dass die SPD in den vergangenen Jahren Bildung nicht als eigenständigen Wert, sondern „nur als ökonomischen Standortfaktor“ behandelt habe, müssen sich die beiden Spitzengenossen anhören. Wenig später kommt aus dem Publikum der Vorwurf, es sei doch eine Sozialdemokratin zwischen 1998 und 2005 Bildungsministerin gewesen, als jene Hochschulreformen beschlossen wurden, unter denen man nun leide.

Gabriel kontert nicht sofort, sondern verspricht erst einmal aufmerksam zuzuhören. Dann erwähnt er, dass er selbst ein Lehramtsstudium absolviert hat und bietet dem Hörsaal eine Art Crashkurs sozialdemokratischer Bildungspolitik. Die Forderung nach mehr Geld für das im Vergleich mit anderen Industrieländern unterfinanzierte deutsche Bildungssystem („Wir sind nicht mal Durchschnitt“), die Absage an jegliche Form von Gebühren für Bildung und die öffentliche Selbstkritik („Die SPD ist am besten, wenn Leute da sind, die ihr Feuer unterm Hintern machen“) kommen in der FU gut an.

Sein Bündnisangebot an die Studenten lockert Gabriel durch Erinnerung ans eigene Studium auf. Demnach finanzierte er sein Studium als Nachtportier in einem Hotel und später als Bierfahrer, was mit Lohn und sechs Freiflaschen pro Tag vergolten wurde: „Man sieht mir an, dass ich ein paar davon getrunken habe.“

Fraktionschef Steinmeier gibt sich ebenfalls Mühe, die Sachdebatte über Mitbestimmung, Studienzeiten, Anwesenheitspflichten und Exzellenzcluster aufzulockern. „Wir gönnen dir das Einkommen von Peter Gabriel, wenn du versprichst, nicht zu singen“, sagt er zum Parteichef, was ein paar Lacher provoziert. Beide Politiker mahnen die Studenten, bei ihrem Protest die Steuerentlastungspläne der schwarz-gelben Regierung nicht zu vergessen, die der Bildungspolitik von Bund, Ländern und Kommunen Milliarden von Euro entziehen werde.

Sehr diszipliniert, sehr konzentriert und sehr geduldig präsentieren die jungen Zuhörer den beiden Gästen zweieinhalb Stunden lang immer neue Argumente gegen jene Unipraxis, die ihnen das Leben schwer macht. Der SPD-Parteichef indessen hebt sich seinen Clou für den Schluss auf. Den Vertretern der protestierenden Akademikern macht er das Angebot, „am 14. Dezember in den Parteivorstand der SPD zu kommen“ und dort konkrete Forderungen zu präsentieren. Schon vorher hat er versprochen: „Wir kommen auch gerne wieder.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben