Freitagsgebet : Gespannte Ruhe in Iran

Die Menschen in Iran warten auf das Freitagsgebet und damit auf die Predigt ihres religiösen Führers Chamenei. Die entscheidende Frage: Wie äußert er sich zu dem Protest.

Die Predigt Ajatollah Ali Chameneis war mit großer Spannung erwartet worden. Sie weckte jedoch wenig Hoffnung, dass es Neuwahlen und damit Zugeständnisse an die Opposition geben könnte. Außerdem machte der höchste Mann im Staat Iran keinen Hehl daraus, dass er eher hinter Präsident Ahmadineschad steht und nicht an der Richtigkeit der Wahlen zweifelt. 

Die Wahlen seien ein großartiges Beispiel für die Zusammenarbeit der Menschen in Iran und für ihr Verantwortungsbewusstsein gewesen. Es gebe "Diktaturen", und es gebe Demokratien, die weit entfernt vom Glauben seien. Iran habe der Welt gezeigt, was eine religiöse Demokratie sei. Alle Kandidaten unterstützten den Staat. Unterschiede zwischen den Kandidaten habe es nur in ihren Programmen und Ansichten gegeben. Dennoch bekundete er öffentlich seine Unterstützung für Präsident Ahmadineschad. "Meine Ansichten sind denen des Präsidenten näher", sagte Chamenei.

An die Adresse des Wahlverlierers Mir Hussein Mussawis gewandt sagte er, politische Entscheidungen würden an den Urnen fallen, nicht auf der Straße.  "Warum haben wir denn dann gewählt", fragte Chamenei. Er rief beide Seiten auf, der Gewalt ein Ende zu bereiten. Straßenproteste seien der falsche Weg und müssten aufhören. Das System lasse sich davon nicht einschüchtern und werde auch "illegale" Forderungen nicht erfüllen.

Er verteidigte den Wahlvorgang und warnte vor allzu großer Kritik. Der Mechanismus erlaube keinen Betrug. Es gebe vielleicht Zweifel, aber wie könnten elf Millionen Stimmen verändert werden. Die Kandidaten könnten anwesend sein, wenn "einige" der Stimmen noch einmal ausgezählt würden. Gleichzeitig müssten sie aber vorsichtig mit ihren Aussagen sein, da diese gefährliche Konsequenzen haben und die Gesellschaft radikalisieren könnten.

Den Medien, die "zum Feind, zu den Zionisten" gehörten, warf er vor, versucht zu haben, die Menschen von den Wahlen abzuhalten. Doch nach den Wahlen seien die westlichen Medien "schockiert" gewesen über die hohe Wahlbeteiligung. Als der Westen dann die Proteste einiger Kandidaten bemerkte, habe er die Rhetorik geändert. Der amerikanische Präsident etwa habe gesagt, die USA habe auf einen solchen Tag gewartet, an dem die Menschen in Teheran die Straßen stürmten. Die Feinde Irans hätten ihre Kampagne schon Monate vor den Wahlen begonnen.

Zu Beginn rief er seine Zuhörer zur Besonnenheit auf: "Lasst Euch durch Eure politische Begeisterung" nicht vom Weg Gottes abbringen, sagte er. Gerade in Zeiten der Unruhen biete die Religion Halt und zeige den Weg. Die Jugend müsse sich in diesen Zeiten der Religion zuwenden, um ihren Weg zu finden, predigte Chamenei.

Die Gegner Ahmadineschads, die sich bei Twitter austauschen, hat das Freitagsgebet nicht alle überzeugen können. Sie warten nun auf die Reaktion von Mussawi. Danach wird sich auch richten, wie die für morgen geplanten Proteste ausfallen.

Chamenei sprach das Freitagsgebet in der Universität der Hauptstadt. Der von einem Expertenrat aus 86 Geistlichen auf Lebenszeit ernannte Revolutionsführer ist nicht nur geistliches Oberhaupt im schiitischen Gottesstaat. Chamenei ist auch die höchste Instanz bei politischen Entscheidungen und steht laut Verfassung über Recht und Gesetz. Der 70 Jahre alte Geistliche muss jeden gewählten Präsidenten bestätigen.

Das iranische Fernsehen berichtete live, im Gegensatz zu den Massenprotesten der Opposition in den vergangenen Tagen. Die Rede begann traditionell mit einem religiösen Teil. Vor Beginn der Ansprache hatten die Zuschauer gerufen: "Wir lassen dich nicht allein, Ali (Chamenei). Wir opfern unserem Führer das Blut in unseren Adern." Auch der umstrittene Präsident Mahmud Ahmadineschad nahm an dem Freitagsgebet teil.

Es ist das erste Mal seit Beginn der Massenproteste gegen die umstrittene Präsidentenwahl in Iran, dass sich Chamenei in der Öffentlichkeit äußerte. Um das Freitagsgebet nicht zu stören, hat die Opposition keine Kundgebungen geplant. Oppositionsführer Mir Hussein Mussawi kündigte für Samstag eine weitere Großdemonstration an.

Chamenei kontrolliert außerdem weitgehend den Wächterrat. Das Gremium, das aus sechs Geistlichen und sechs hohen Richtern zusammengesetzt ist, hat die drei unterlegenen Kandidaten der Präsidentschaftswahl für Samstag eingeladen, um an einer Prüfung der Wahlergebnisse teilzunehmen. Die Kandidaten hatten 646 Unstimmigkeiten bei der Abstimmung vom vergangenen Freitag angeprangert. Revolutionsführer Chamenei hatte den Wächterrat angewiesen, die Einwände der Kandidaten sorgfältig zu prüfen.

Für Samstag hat auch eine Gruppe von islamischen Klerikern eine Demonstration in Teheran angemeldet. Mussawi und der reformorientierte Ex-Präsident Mohammed Chatami haben angekündigt, an dieser Kundgebung teilnehmen zu wollen.  

Nach Angaben der erst kürzlich von der EU-Terrorliste genommenen iranischen Oppositionsbewegung Volksmudschaheddin wurden bei den bisherigen Kundgebungen 43 Menschen getötet, allein 30 davon in Teheran. Von unabhängiger Seite konnten diese Zahlen allerdings nicht bestätigt werden. Zunehmende Zensur macht die Berichterstattung aus Iran immer schwieriger. Informationen lassen sich kaum überprüfen. In bisherigen Berichten aus Teheran war von mindestens acht Toten bei Zusammenstößen mit Sicherheitskräften die Rede.

Quelle: ZEIT ONLINE, dpa, Reuters, sp

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