Freiwillige Initiative : Wirtschaft will Alkoholwerbung einschränken

Komasaufen, Flatrate-Partys, Alkoholvergiftungen: Trinken bis zum Umfallen ist bei vielen Jugendlichen angesagt. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Sabine Bätzing, schlägt seit längerem Alarm. Der Ruf nach Werbeverboten wird lauter. Jetzt reagiert die Wirtschaft – und kündigt eine freiwillige Einschränkung der Alkoholwerbung an.

Michael Schmidt
Alkohol
Komasaufen ist bei vielen Jugendlichen sehr beliebt. -Foto: ddp

Berlin - Komasaufen, Flatrate-Partys, Alkoholvergiftungen: Trinken bis zum Umfallen ist, allen Mäßigungsappellen zum Trotz, bei vielen Jugendlichen äußerst angesagt. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Sabine Bätzing (SPD), schlägt seit längerem schon Alarm. Behörden sind aufgeschreckt. Der Ruf nach Werbeverboten wird lauter. Jetzt reagiert die Wirtschaft – und kündigte am Donnerstag eine freiwillige Einschränkung der Alkoholwerbung im Sinne eines besseren Kinder- und Jugendschutzes an.

Die Werbung solle nicht zum Alkoholmissbrauch auffordern und keine trinkenden Kinder und Jugendlichen zeigen, teilte der Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft (ZAW) mit. In Medien, die sich vor allem an Kinder und Jugendliche richten, solle es keine Werbung für alkoholhaltige Getränke geben. Trikotwerbung bei Kinder- und Jugendmannschaften sei künftig tabu (siehe Kasten). Damit gehe die Branche „einen großen Schritt auf Bedenkenträger und Kritiker der Werbeselbstkontrolle zu“, sagte ZAW-Sprecher Volker Nickel dem Tagesspiegel. Er fügte aber hinzu, dass damit auch „ein Punkt erreicht“ sei, an dem es „keine weiteren Einschränkungen“ geben könne, ohne dass sie in eine „Selbstzensur“ mündeten. Warum greifen Jugendliche zum Alkohol? Was treibt sie um? Welche Probleme haben sie? – Nickel sieht in erster Linie Eltern und Politik in der Verantwortung. Alkohol teurer zu machen, Verfügbarkeit und Werbung einzuschränken bringe „nichts, nichts, nichts“, wenn die Pubertierenden kein Ohr „für ihre wahren Probleme, Schulstress, Ausbildungsstress, Elternstress“ fänden, sagte Nickel.

Die Drogenbeauftragte Sabine Bätzing hatte die Wirtschaft mehrfach dazu aufgerufen, ihre Selbstverpflichtung bei Alkoholwerbung einzuhalten. Ein Werbeverbot hält sie jedoch, wie mehrfach betont, nicht für notwendig. Aufklärung, Schulungen bei Handel und Gastronomie, Selbstkontrolle – das ist es, worauf Bätzing setzt. Die SPD-Politikerin fordert, den Jugendschutz „effektiver durchzusetzen“. Der Verkauf von Alkohol an unter 16-Jährige ist verboten. Die Drogenbeauftragte ruft die Bundesländer dazu auf, dem Beispiel Niedersachsens zu folgen und unter Federführung der Polizei flächendeckende Testkäufe zu machen. Bei Testkäufen besorgen Jugendliche unter Aufsicht der Behörden Alkohol, um Verstöße von Händlern oder Gastronomen aufzudecken.

Bätzing hatte kürzlich Zahlen präsentiert, die den Druck auf die Alkoholwirtschaft noch einmal erhöhten. Danach landeten 2007 bundesweit 23 165 junge Leute im Alter zwischen zehn und 20 Jahren zur Ausnüchterung in einer Klinik: im Schnitt mehr als 63 pro Tag, so viele wie nie zuvor. Erstmals mussten mehr Mädchen als Jungen zwischen zehn und 15 Jahren mit dem Rettungswagen abtransportiert werden – die Zahl der volltrunkenen Mädchen verdoppelte sich seit 2000. Ein Viertel der Jugendlichen gab an, mindestens einmal im Monat hemmungslos zu trinken. Die Folge: 20 Prozent mehr Alkoholvergiftungen als 2006. In Berlin soff sich 2007 der erste Jugendliche zu Tode.

Gefördert wird das Komasaufen oft auf Flatrate-Partys. Dort kann Alkohol zum Festpreis in beliebiger Menge getrunken werden. In Gaststätten wird zu einem Eintrittspreis unbegrenzt ausgeschenkt. Da die freie Auswahl manchmal zeitlich begrenzt ist, schütten die jungen Gäste große Alkoholmengen in kürzester Zeit in sich hinein. Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) hat wiederholt ein Verbot solcher Flatrate-Partys gefordert.

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