Politik : Freiwillige vor und zurück

Die Bundesregierung stellt die Förderung ehrenamtlichen Engagements neu auf – die Vermittlungsagenturen fühlen sich übergangen

Maike Westphal

Berlin - Günther Müller ist 68 Jahre alt, Tischler und Vertriebsingenieur im Ruhestand – und Ausbildungspate. Mit seiner Erfahrung hilft er Jugendlichen auf ihrem Weg ins Berufsleben. Er berät sie bei der Berufswahl, unterstützt sie in der Bewerbungsphase und ermutigt sie, wenn nicht alles auf Anhieb klappt. „Mein Anliegen ist es, Hauptschülern und benachteiligten Jugendlichen zu einer Ausbildung zu verhelfen“, sagt Müller. In zwei Jahren hat er 16 Schüler in eine Ausbildung vermittelt; ehrenamtlich in einem „generationsübergreifenden Freiwilligendienst“. So heißt ein Modellprojekt des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, das vor drei Jahren gestartet wurde.

Vor dem Hintergrund, dass bis 2030 jeder dritte Bundesbürger älter als 60 Jahre sein wird, soll es neue Formen bürgerschaftlichen Engagements fördern. 46 Freiwilligenagenturen haben den Freiwilligendienst bundesweit erprobt. Mehr als 300 Freiwillige aller Altersgruppen kamen in Kindergärten, Schulen, Pflegeeinrichtungen und Hospizen zum Einsatz. Kurz vor Abschluss des Projekts gibt es jetzt Streit darüber, wie es mit dem Freiwilligendienst weitergehen soll. Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen (bagfa) will ein dauerhaftes Angebot etablieren, Kritiker wünschen sich stärkere Qualifizierungseffekte. Das Bundesministerium plant ein neues Projekt. Dabei sind alle Beteiligten vom Erfolg des generationsübergreifenden Freiwilligendienstes überzeugt: Die Freiwilligen engagieren sich in größerem Umfang, über längere Zeit und mit mehr Verbindlichkeit als in anderen Projekten. Ein „Freiwilliges Soziales Jahr“ können nur jüngere Menschen leisten, das Modellprojekt eröffnete auch älteren Menschen, Arbeitslosen und Migranten ein Engagement nach festen Vereinbarungen. „Die Einsatzstellen erhalten über viele Monate tatkräftige, verlässliche Unterstützung und die Freiwilligen sammeln sinnvolle Erfahrungen, bilden sich fort und erleben Anerkennung und Teilhabe“, bilanziert Birgit Weber, Projektleiterin der bagfa. Sie beziffert den Wert der erzielten Leistungen mit rund 1,6 Millionen Euro.

Das Projekt läuft dennoch Ende Juni aus. Dafür soll 2009 ein neuer „Freiwilligendienst aller Generationen“ starten, über drei Jahre gefördert mit 22,5 Millionen Euro von Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen. Ein Internetportal soll Anbieter und Nachfrager ehrenamtlicher Arbeit vernetzen, mobile Kompetenzteams die Weiterbildung von Fachkräften in den Kommunen unterstützen. Außerdem werden 30 Leuchtturmprojekte gesucht, die neue Ansätze des Freiwilligendienstes realisieren.

Bei den Freiwilligenagenturen sorgt das für Kopfschütteln. „Warum führt man eine gute Sache nicht fort, sondern macht stattdessen wieder etwas Neues?“ fragt Ingrid Ehrhardt, Geschäftsführerin des Freiwilligenzentrums in Hannover.

Das Bundesministerium macht dafür formale Gründe geltend: Der Bund darf nur modellhafte und befristete Projekte fördern, sagte ein Sprecher dem Tagesspiegel. Die bisher beteiligten Agenturen und Träger können sich wieder bewerben – aber nur mit einem neuen Ansatz.

Die bagfa fordert von der Politik eine gesetzliche Definition von Freiwilligendiensten und die Klärung offener Steuer- und Versicherungsfragen.

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