Politik : Fremd in der Heimat

25 Jahre Bürgerkrieg, sechs Millionen Binnenflüchtlinge: Die Menschen im Sudan wissen, was Entbehrung bedeutet, aber wohin sie sollen, das wissen sie nicht

Ingrid Müller[Khartum]

Die Frauen haben den Staub und die Armut im Flüchtlingslager satt. „Wir wollen zurück in die Nuba-Berge“, verkünden die gut 20 Sudanesinnen selbstbewusst. Die meisten der farbenfroh gewandeten Frauen wohnen seit Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre in den öden Weiten der kilometerlangen Lager vor den Toren von Khartums Zwillingsstadt Omdurman auf der anderen Seite des Nils. Damals sind sie mit ihren Familien vor dem blutigen Bürgerkrieg in ihrer Heimatregion Hajr as-Sultan geflohen. Sie gehören zu den rund sechs Millionen Binnenflüchtlingen, die der fast ein Vierteljahrhundert dauernde Krieg zwischen dem Norden und dem Süden hinterlassen hat. Sudan hat 30 Millionen Einwohner.

Von breiten Sandpisten durchzogen begrenzen schier endlose Lehmmauern das Lager Umm Badda. Dazwischen aber stehen Hütten aus Holzstangen, mit Jutesäcken, Strohmatten oder Pappe verkleidet. Da, sagen Nachbarn, wohnen Flüchtlinge aus Darfur, der Bürgerkriegsregion im Westen des Riesenlandes. Sie kamen später. Kinder holen auf Eselskarren mit kleinen Tanks Wasser, solche Karren sind auch der öffentliche Nahverkehr. Vor einigen Hütten bieten Händler Waren an, hinter ihnen öffnet sich eine weite Fläche mit kleinen Hügeln. Hier haben die Menschen ihre Toten begraben. Die aufwendigsten Gebäude: Moscheen. Umm Badda ist längst so etwas wie eine eigene Stadt geworden. Halfa, Mary, Djola und die anderen Frauen vom Stamm der Ama, von denen hier rund 3000 Menschen leben, fühlen sich aber nicht daheim. Sie wollen zurück in die Heimat. Die liegt rund 1000 Kilometer südlich. An der ehemaligen Demarkationslinie zwischen Nord und Süd.

Djola floh 1991 mit ihren Töchtern und ihrem Sohn An-Nur. Eine Odyssee führte sie auf der Suche nach Unterschlupf bei Verwandten durchs halbe Land, bevor sie in Umm Badda landete. Hier sind die Flüchtlinge nicht gelitten, mehrfach wurde nicht nur Djolas Hütte von Sicherheitskräften eingerissen. Ihr Mann blieb damals zurück, er wollte noch das Vieh verkaufen. Er kam nicht mehr nach. Djola schlug sich durch, verdingte sich im Herbst auf dem Land bei der Ernte. Inzwischen ist das für die faltige alte Dame, ihr Alter weiß sie so genau nicht zu sagen, nichts mehr. Heute schmerzen ihre Beine, eine dicke Hennapaste soll helfen. Sie sitzt auf einem Bettgestell unter dem Jute-Dach, in der Ecke ein Radio, an einer Wand in einem kleinen Plastikkörbchen Zahnbürste und -pasta. An-Nur soll die Rückkehr vorbereiten, in Hajr as-Sultan die Lage sondieren. Er hat das aber aufgeschoben. Als sie fliehen mussten, gab es dort einen Markt, das Einkaufszentrum für die Region, eine Schule, ein kleines Hospital. Das alles wurde weitgehend zerstört.

Im Januar 2005 schlossen die Kriegsparteien aus Nord- und Südsudan unter internationalem Druck Frieden. Nun sollen die Flüchtlinge zurückkehren. Der Norden möchte sie loswerden, der Süden hofft auf ihre Stimmen für die Wahl 2009 und das Referendum über die Unabhängigkeit 2011. Vereinte Nationen, Nord- und Südregierung haben ein Pilot-Rückkehrerprojekt gestartet: In Umm Badda haben sie große Zelte aufgestellt, dort sollen sich die Flüchtlinge registrieren lassen. Drinnen sitzen jüngere und ältere Männer, sie führen lange Listen und teilen bunte Merkblätter aus. Doch irgendetwas ist schiefgelaufen. Hundert Familien sollten kürzlich abreisen. Es kamen zwei. Warum? Natürlich hätten sie sich registriert, sagen Halfa und Mary. Aber schnell ist klar, nur vier Frauen wollen wirklich bald gehen. Fast alle haben nämlich Kinder in der Schule. Um deren Lernen zu finanzieren, verzichtet manche Familie schon mal auf eine Mahlzeit. Wer am Ende des Jahres keine Abschlussprüfung macht, darf nicht in die nächste Klasse. Die Schule aber läuft noch. Also gehen sie nicht.

Eben hat Halfa verkündet: „Wenn wir gehen, kommen wir nicht mal auf Besuch zurück!“ Doch auch sie kommt ins Grübeln, als sie erfährt, dass sie Kochutensilien und Lebensmittel für drei Monate bekommen soll, aber kein Zelt. Das haben ihnen die lächelnden Herren im Registrierungszelt nicht gesagt. Sie haben auch nicht gefragt, denn das halten die Frauen für selbstverständlich. „Wir sind damals um unser Leben gerannt! Wo sollen wir denn wohnen, wo essen?“, fragt sich Halfa. Die erste Unterkunft müssten die aufnehmenden Gemeinden stellen, heißt es bei den netten Herren.

Hilfe bei der Rückkehr versucht ihnen die sudanesische Hilfsorganisation Mandy mit Unterstützung des Deutschen Entwicklungsdienstes zu geben. Aber viel gibt es noch nicht in Hajr as-Sultan: eine Bäckerei, ein Mini-Café, einen Laden, eine Fahrradwerkstatt. Noch keine Schule. Eine kleine Gesundheitsstation bauen jetzt Freiwillige aus Umm Badda. Öffentliche Transportmittel? Keine. Der Generalsekretär von Mandy, Hassaballa Nugod Kafi, ein Mann mit Brille, Schnäuzer und grauen Haaren, kommt auch von dort und kennt die Ressentiments. „Wir gelten in Hajr as-Sultan als die aus dem Norden. Es gab Leute, die haben beim ersten Mal nicht einmal Hallo gesagt.“ Inzwischen sei das anders, aber die Leute dort seien nun einmal „sehr, sehr arm“. Viele haben nicht einmal eine Toilette in ihrem Haus.

Doch wie wird es daheim sein? Früher haben sie die Felder in Handarbeit bestellt. „Das bringt aber kaum Ertrag.“ Sie wollen nicht wieder auf Knien rutschen. Sie brauchten einen Traktor. Dass ihnen den jemand stellt, ist wohl Illusion. Dass ihnen jemand einen Kredit geben könnte, können sie sich nicht vorstellen. Wo können sie etwas verdienen? „Niemand soll uns neue Ziegen und Schafe kaufen. Aber gibt es da Jobs?“ Sie wollen sich selbst ernähren, nicht auf andere angewiesen sein. Rund um die Hauptstadt Khartum gibt es immerhin kleine Jobs. Djolas Sohn An-Nur verdingt sich auf dem Bau, ihre Tochter verkauft Tee. Deren Tochter Nagat fragt sich, was die Mutter in den Bergen machen wird: „Farmerin war sie nie.“

Über eine Sache haben sich die resoluten Frauen noch keine Gedanken gemacht. Viele Kinder sind in Umm Badda geboren, alle dort aufgewachsen, fast 40 Prozent sind unter 16. Sie kennen Hajr as-Sultan nicht. Die hochgewachsene Mary setzt sich mit einem Ruck auf und sieht streng in die Runde: „Ich bin die Mutter, natürlich werden meine Kinder mir folgen.“ Doch die jungen Leute haben auch im Sudan oft andere Vorstellungen als die älteren. Für Djolas 16-jährige Enkelin Nagat ist klar: „Ich bringe meine Mutter hin. Aber dann komme ich zurück und gehe hier weiter zur Schule.“ Sie will Fernsehansagerin werden. Den Widerspruch der Großmutter quittiert sie mit den Worten: „Oma, misch dich da nicht ein.“

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