Politik : Freud und Leid in Ankara

Stärke der Kurden im Irak macht der Türkei Angst

Thomas Seibert[Istanbul]

Für die Türkei ist der Neue von nebenan ein alter Bekannter. Der am Mittwoch zum irakischen Staatspräsidenten gewählte Kurdenpolitiker Dschalal Talabani erhielt in den langen Jahren der Diktatur Saddam Husseins von Ankara einen türkischen Diplomatenpass, damit er auf Reisen internationale Kontakte knüpfen konnte. Überschwängliche Freude über Talabanis Wahl will in der türkischen Hauptstadt dennoch nicht aufkommen. Die Tatsache, dass der 72-jährige Kurde nun das höchste Staatsamt in Bagdad bekleidet, bedeutet zwar einerseits, dass die irakischen Kurden in absehbarer Zeit nicht nach einem eigenen Staat streben werden, was für Ankara ein Horrorszenarium wäre. Doch Talabanis Erfolg wird auch das Selbstbewusstsein der Kurden weiter steigern – möglicherweise auch das der Kurden in der Türkei.

Außenminister Abdullah Gül gab Talabani gleich eine auf türkische Wünsche zugeschnittene Job-Beschreibung mit auf den Weg. Die wichtigste Aufgabe des neuen Präsidenten im Nachbarland sei es, die Einheit des Iraks zu erhalten, erklärte Gül. Die Furcht, der Irak könnte nach dem Sturz Saddams auseinander brechen, ist eine der größten Befürchtungen der türkischen Außenpolitik überhaupt. Wenn Kurden im Norden, Schiiten im Süden und Sunniten in der Mitte Iraks getrennte staatliche Wege gehen sollten, könnte das die eigene kurdische Minderheit aufmüpfig machen.

Mit Talabani an der Spitze des irakischen Gesamtstaates wird das Unabhängigkeitsstreben der Kurden nun erst einmal gebremst, schließlich kann Talabani nicht oberster Vertreter aller Iraker und gleichzeitig kurdischer Separatist sein. Zudem ist der neue irakische Präsident ein Realpolitiker, für den die Regionalmacht Türkei schon lange eine feste Größe darstellt.

Dass ein Kurde nun an der Spitze des Iraks steht, macht aus Sicht Ankaras aber auch deutlich, wie groß die Macht dieser Volksgruppe künftig im Irak sein wird, obwohl sie lediglich 17 Prozent der Bevölkerung stellt. Unterstützung erhalten die Kurden zudem aus den USA, die sich als ihre Schutzmacht verstehen. Türkische Kurden in Istanbul machten am Mittwoch keinen Hehl daraus, dass sie stolz auf den Aufstieg ihrer Brüder im Nachbarland sind. Deren politischer Einfluss im neuen Irak und ihre weit reichenden Autonomierechte könnten die Kurden in der Türkei nachdenklich stimmen. Das fürchtet auch Ankara.

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