Politik : Freundschaft mit kleinen Abstrichen

Christian Böhme

Es waren nur wenige Stunden nach den Terroranschlägen vom 11. September vergangen, als Bundeskanzler Gerhard Schröder Amerika und den Amerikanern "uneingeschränkte Solidarität" zusicherte. Das kam beim Freund und Bündnispartner jenseits des Atlantiks gut an, auch wenn die Unterstützung durch Deutschland als eine Selbstverständlichkeit galt. Umso größer wäre wohl das Entsetzen in Washington, sollte das deutsche Parlament heute dem Einsatz der Bundeswehr im Afghanistan-Krieg nicht zustimmen. Von einem "Schock" für die USA spricht Robert Gerald Livingston, einer der besten Kenner der deutsch-amerikanischen Beziehungen. "Die Bundesrepublik wäre in dieser Frage nicht mehr vertrauenswürdig", sagt der einstige Diplomat und Berater von US-Außenminister Henry Kissinger.

Eine Einschätzung, die auch andere Amerika-Experten teilen. Dabei sind die USA im Großen und Ganzen mit der rhetorischen und diplomatischen Unterstützung durch Deutschland in den vergangenen zwei Monaten durchaus zufrieden gewesen. Vor allem Berlins Einfluss auf Nato und EU in Sachen Anti-Terror-Koalition wird wohlwollend zur Kenntnis genommen. Antiamerikanische Töne fallen da nach Livingstons Einschätzung nicht sonderlich ins Gewicht.

Dass es nach außen überwiegend Lob für die deutsche Politik gibt, sei auch ein Verdienst von Bundeskanzler Gerhard Schröder und Außenminister Joschka Fischer, glaubt Christian Hacke, Fachmann für amerikanische Außenpolitik an der Universität Bonn. "Wenn es um die Solidarität mit den Vereinigten Staaten geht, machen beide Politiker seit einigen Wochen einen guten Job."

Dennoch hält Hacke Deutschlands Spielraum etwa für wohlmeinende Kritik an den USA für gering. Denn bei aller Freundschaft habe es in der Vergangenheit auch Defizite im deutsch-amerikanischen Verhältnis gegeben. Da ist zum Beispiel die Ausstattung der Bundeswehr. Oft habe Washington darauf gedrängt, dass die deutsche Armee für den Ernstfall eines Einsatzes gerüstet sein müsse. Zum Leidwesen der USA sei dieser Wunsch nicht auf fruchtbaren Boden gefallen. Kein Wunder, dass Deutschlands militärischer Beitrag für den Anti-Terror-Kampf eher bescheiden ausfällt. Dass Berlin jetzt nicht in Entscheidungsprozesse einbezogen wird, führt Hacke zudem auf die Anfangszeiten von Rot-Grün zurück. Transatlantische Treueschwüre der deutschen Regierung habe es 1998 nicht gegeben. Das ist seit dem 11. September grundlegend anders.

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