Politik : Friede Springer: Diskret, aber bestimmt

Hermann Rudolph

Sylphiden sind die Luftgeister, die in der Welt der Sagen und Märchen ihr Wesen treiben, ätherisch, leichtfüßig, graziös. Friede Springer hat etwas davon, und wenn sie in der Öffentlichkeit erscheint, zumeist zu Anlässen des gesellschaftlichen Lebens Berlins, zu dem sie gehört, ist das Äußerste, womit sie auffällt, die Bescheidenheit, mit der sie auftritt. Fast könnte man den Eindruck haben, sie wolle auf ihre freundliche, alterslose Weise eine Dahlemerin wie die anderen sein, und daran ist richtig, dass ihr Ehrgeiz - bei all ihrer Präsenz im Berliner Leben - nicht auf die Rolle einer Gesellschaftslöwin geht. Das preußische Mehr-Sein-als-Schein wird von niemandem mit mehr Charme verstrahlt als von dieser Friesin von der Insel Föhr. Niemand wird auch je erlebt haben, dass sie darauf pochte, als das genommen zu werden, was sie ja ist - die einflussreiche Verlegerin, die das Imperium des Axel-Springer-Verlages diskret, aber bestimmt auf Kurs hält.

So kann man zumindest gespannt sein, wie sie die Verleihung des Leo-Baeck-Preises an diesem Donnerstag im Centrum Judaicum in Berlin hinter sich bringen wird. Der Preis, verliehen vom Zentralrat der Juden in Deutschland, erinnert an den Berliner Oberrabbiner, eine der großen Figuren des deutschen Judentums. Und er stellt Friede Springer in eine Reihe mit Johannes Rau, den Preisträger des vergangenen Jahres, Richard von Weizsäcker und Helmut Kohl. Man streicht nichts an ihren Verdiensten ab, wenn man unterstellt, dass sie die Auszeichnung für die Fortführung des Werkes ihres Mannes erhält, ja, stellvertretend für den 1985 gestorbenen Axel Springer, der ein passionierter Freund Israels war. Denn ihre Leistung liegt gerade darin, Springers Werk bewahrt und lebendig erhalten zu haben. Das gilt einerseits für seine verlegerische und publizistische Hinterlassenschaft. Es bezieht sich aber auch auf seine Neigungen, zumal jene, die ihn offenbar im Innersten bewegten wie die Versöhnung mit dem jüdischen Volk und die Unterstützung Israels. Es deutet die Intimität an, die ihr Verhältnis dazu bestimmt, dass sie es einmal damit umschrieb, Axel Springer habe ihre diese "Liebe" "vererbt", sie sei "Teil meines Ichs" geworden.

Deshalb ist diese Auszeichnung ein ungewöhnlicher Akt. Der Zentralrat stattet mit ihr auch einen Dank ab für eine Haltung, die ihrerseits getragen war von einer tiefen, emotionalen Zuneigung. Die Preisträgerin bringt eine ungewöhnliche Biographie in sie ein, die die Herkunft aus bodenständigen Verhältnissen verbindet mit einer Hauptrolle in den obersten, zeitweise gerade in diesem Hause ziemlich stürmischen Regionen des Medien-Betriebes. Man wird sich schwer jemanden denken können, der das so souverän und ohne Hochmut bewältigt hat wie sie.

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