Politik : Frieden ist teuer

Von Clemens Wergin

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Nach den Kongresswahlen in den USA ist nun der Blick frei, um die dringend nötige Revision der internationalen Afghanistan-Mission anzugehen. Fünf Jahre nach dem Sturz der Taliban gibt es einen Konsens in der Nato, dass mehr getan werden muss, ein Wiedererstarken der Taliban zu verhindern. Aber wie üblich in internationalen Organisationen gewährt jede Nation höflich anderen den Vortritt draufzupacken. Schließlich tue man ja selbst schon genug – allein, es reicht eben nicht.

Die „International Crisis Group“ bringt das Problem in einem neuen Bericht auf den Punkt: „Der Wunsch nach einem schnellen, billigen Krieg, gefolgt von einem schnellen, billigen Frieden, hat Afghanistan in die aktuelle, zunehmend gefährliche Situation gebracht.“ Oder um es in den Worten des UN-Beauftragten Tom Koenigs zu sagen: „Im Kosovo haben wir pro Einwohner zehnmal mehr investiert.“ Die anfänglichen Fortschritte Afghanistans haben die internationale Gemeinschaft dazu verführt, zu glauben, es ginge auch ohne größere Anstrengungen. Seit der militärischen Frühjahrsoffensive der Taliban darf das als widerlegt gelten.

Ein schwacher Staat in den entlegenen Gebieten im Süden und Osten, korrupte Warlords und ein florierender Drogenhandel, der Geld auch in die Kassen der Terroristen spült, haben dazu geführt, dass das Land wieder kippen könnte. Es gibt zum Teil gerechtfertigte Kritik an den Alliierten, dass sie sich durch ihr harsches Vorgehen in den umkämpften Gebieten keine Freunde in der Zivilbevölkerung machen. Das eigentliche Problem aber ist ein anderes: Alliierte Truppen mögen in einzelnen Regionen noch so erfolgreich sein beim Zurückdrängen der Taliban – wenn sie wieder abziehen, entsteht unweigerlich ein Vakuum. Viel zu oft wird dieses Vakuum dann weder durch die Zentralregierung noch durch zivile Hilfs- und Aufbauprojekte gefüllt. Und so entsteht in immer mehr Regionen der Eindruck, der Westen meine es gar nicht ernst und werde sich womöglich nicht langfristig engagieren. Die Offensive der Taliban wird so auch zum psychologischen Problem. Der US-Kommandeur in Afghanistan, Karl Eikenberry, sagt deshalb, dass er mehr Geld für Entwicklungshilfe wichtiger findet als ein weiteres Bataillon von US-Soldaten.

Auch Deutschlands Anstrengungen sind nicht gut genug. Kritik gibt es vor allem an der geringen Zahl von Polizeiausbildern, die Deutschland nach Afghanistan entsendet. Besonders in der Fläche mangelt es an verlässlichen Polizeikräften und an unkorrumpierbaren Beamten. Und auch der Bundeswehreinsatz könnte wirksamer sein. So sind die Soldaten oft mehr damit beschäftigt, für ihre eigene Sicherheit zu sorgen als für die der afghanischen Bevölkerung. Zudem sind die Einsatzregeln von Deutschland, Italien, Spanien, Frankreich und Türkei so unflexibel, dass die Truppen nicht umfassend genug vom Nato-Kommando eingesetzt werden können – und zwar dort, wo sie gebraucht werden, und nicht dort, wo es am bequemsten ist.

Zuletzt ist da noch das Problem Pakistan. Es ist kein Geheimnis mehr, dass die Taliban in Quetta ihr Hauptkommando haben und dass Pakistans Premier Pervez Muscharraf lieber Stillhalteabkommen mit Islamisten schließt, als die Taliban daran zu hindern, von Pakistan aus Vorstöße nach Afghanistan zu unternehmen. Hier ist mehr Druck aus Washington, aber auch aus Europa nötig, damit Pakistan nicht Rückzugs-, Trainings- und Rekrutierungsfeld der Taliban und von Al Qaida bleibt. Das alles macht deutlich, dass nur eine konzertierte Anstrengung auf diplomatischem, zivilem und militärischem Gebiet verhindern kann, dass Afghanistan erneut zum Sicherheitsrisiko für den Westen wird.

Es sollte offensichtlich sein, dass auch Deutschland sich mehr engagieren, mehr Hilfe, Geld und Soldaten bereitstellen muss. Und zwar nicht, weil andere uns darum bitten, sondern weil es in unserem eigenen Interesse ist, dass unsere Investitionen in das Projekt Afghanistan nicht vergebens waren. Dass das Land am Hindukusch zum neuen Irak wird, können wir uns noch viel weniger leisten.

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