Politik : Frieden mit den Gotteskriegern

Die Taliban melden sich in Afghanistan zurück. Präsident Karsai redet über ihre Regierungsbeteiligung – und die USA dulden es

Elke Windisch[Moskau]

Eigentlich reicht die Macht von Hamid Karsai nicht über den Großraum der Hauptstadt Kabul hinaus. Der Einfluss des afghanischen Präsidenten könnte aber vollends schwinden, wenn sich bei den Wahlen im kommenden Jahr die Nordallianz und Ex-Kommunisten gegen ihn verbünden. In dieser Situation hat Karsai einen überraschenden Schachzug durchgeführt: Wie aus Regierungskreisen in Kabul durchsickerte, verhandelt Karsai mit den Taliban über Spielregeln für deren Regierungsbeteiligung – und zwar mit Billigung der USA. Auf einer pakistanischen Luftwaffenbasis bei Quetta trafen sich vergangene Woche Karsai-Vertraute mit Vertretern des FBI, des pakistanischen Gemeindienstes ISI und hochrangigen Taliban.

Offenbar hat Karsai erkannt, dass eine nationale Aussöhnung in Afghanistan nur möglich ist, wenn alle wichtigen Gruppen in der Regierung vertreten sind. Das soll nun auch für die Taliban gelten, die zuvor der Terrororganisation Al Qaida Unterschlupf gewährt hatten. Schon Anfang Mai hatte Karsai Mitglieder des gemäßigten Flügels der Taliban-Bewegung zu Gesprächen in Kabul eingeladen. Bevor es überhaupt zu Stande kam, scheiterte das Treffen an der Forderung, dass Taliban-Führer Mullah Omar auf Ämter und politischen Einfluss verzichten müsse. Über diesen heiklen Punkt haben der afghanische Präsident und die Taliban zwar immer noch keinen Konsens erzielt. In anderen Fragen haben die Islamisten aber inzwischen Gesprächsbereitschaft signalisiert. So sollen ausländische Taliban-Söldner und Al-Qaida-Kämpfer Afghanistan verlassen. Außerdem müssen die beiden Gruppen alle westlichen Gefangenen freilassen. Die weiter fortwirkende Macht der Taliban hat ihre Gründe: Die Islamisten werden nach wie vor von der Mehrheit der Geistlichen und von Studenten islamischer Hochschulen unterstützt.

Dass nun auch die USA, mit denen Karsai seinen Vorstoß zunächst nicht abgestimmt hatte, für Konsultationen mit den Taliban plädieren, ist faktisch eine Bankrotterklärung der bisherigen Afghanistan-Politik Washingtons, die wenig Rücksicht auf die Kräfteverhältnisse in dem Land nahm. Afghanistan hat immer noch mit einem Guerillakrieg zu kämpfen, der täglich mit Attentaten für Schlagzeilen sorgt. Das zeigte sich zuletzt bei einem Anschlag auf einen Bus mit deutschen Isaf-Soldaten am 7. Juni. Die Taliban, die Kabul im November 2001 weitgehend kampflos räumten, wurden nicht zerschlagen. Ganz im Gegenteil: Sie haben sich bereits neu formiert und sind durch Allianzen mit oppositionellen Warlords erneut eine ernst zu nehmende Gefahr.

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