Friedens-Nobelpreis : Martti Ahtisaari: Seine Waffe ist die Geduld

Der Friedens-Nobelpreisträger 2008 kommt aus Finnland. Vorgeschlagen wurde Martti Ahtisaari schon so oft, dass er eigentlich davon längst genug hatte. Ein Porträt.

Claudia von Salzen
EU-Gipfel Schröder und Ahtisaari
Erfahrener Diplomat. Martti Ahtisaari mit Gerhard Schröder.Foto: dpa

Vor zwei Jahren hatte Martti Ahtisaari genug. Für den Friedensnobelpreis wolle er nicht mehr vorgeschlagen werden, sagte Finnlands Ex-Präsident. Damals stand er als Favorit zum fünften Mal auf der Liste der Kandidaten. Die finnischen Medien feierten ihn vorab, und selbst Staatschefin Halonen hatte angeblich schon eine Pressekonferenz geplant. Aber auch 2006 ging Ahtisaari wieder leer aus.

Umso überraschender ist jetzt die Entscheidung des norwegischen Nobelkomitees, das den 71-jährigen Finnen für sein Lebenswerk auszeichnete: Auf mehreren Kontinenten und über mehr als drei Jahrzehnte habe sich Ahtisaari um die Lösung internationaler Konflikte bemüht. „Diese Anstrengungen haben zu einer friedlicheren Welt beigetragen und zu ‚Brüderlichkeit zwischen den Nationen‘ im Sinne Alfred Nobels“, erklärte das Komitee in Oslo.

Es gibt kaum einen anderen Diplomaten, der in so vielen Konflikten vermittelt hat. Ahtisaari wurde immer gerufen, wenn die internationale Gemeinschaft nicht weiterzuwissen schien. Vor drei Jahren vermittelte er in der indonesische Unruheprovinz Aceh. Der ruhige, in jeder Hinsicht schwergewichtige Finne brachte Vertreter der Regierung und der nach Unabhängigkeit strebenden Rebellen an den Verhandlungstisch. Am Ende mühsamer Gespräche, die in einem Gutshaus nahe Helsinki stattfanden, stand ein Friedensabkommen.

Ahtisaaris hohes internationales Ansehen geht auf seine Zeit als Vermittler im Kosovokrieg zurück: Im Juni 1999 gelang es ihm, den damaligen jugoslawischen Staatschef Slobodan Milosevic zur Zustimmung für den Kosovofriedensplan zu bewegen. Milosevic verpflichtete sich zum Abzug der Truppen aus dem Kosovo, und im Gegenzug stellte die Nato die Luftangriffe ein. Die Erleichterung war in ganz Europa zu spüren. Sieben Jahre später trat die internationale Gemeinschaft wieder mit einer Bitte an Ahtisaari heran: Er sollte den künftigen Status des Kosovo klären helfen. In langen Verhandlungen erarbeitete Ahtisaari einen Plan, der die serbische Provinz in die Unabhängigkeit führen sollte. Doch diesmal gelang es ihm nicht, einen Kompromiss zu erarbeiten.

Als Kind hat Ahtisaari selbst erlebt, was Krieg und Vertreibung bedeuten. Er wurde 1937 im karelischen Viipuri geboren. Seine Familie floh nach dem verlorenen Krieg gegen die Sowjetunion aus ihrer Heimat. Seitdem war Ahtisaari selten lange an einem Ort. Nach einem Studium an der Handelshochschule in Helsinki machte er Karriere im Außenministerium und ging als jüngster Botschafter Finnlands 1973 nach Tansania. Später half er als UN-Kommissar für Namibia dem Land auf dem Weg in die Unabhängigkeit. „Meine wichtigste Leistung“, sagte Ahtisaari am Freitag. Aber auch in Nordirland, in Zentralasien und im Irak war der Vermittler im Einsatz.

Im eigenen Land kam der 1994 zum Präsidenten gewählte Sozialdemokrat zunächst weniger gut an: Seine vielen Auslandsreisen wurden ihm vorgeworfen. Doch auch nach dem Ende seiner Amtszeit verabschiedete er sich nicht in den Ruhestand: Er gründete die „Crisis Management Initiative“, eine Nichtregierungsorganisation, die schnell und flexibel auf Krisen reagieren sollte. Sie organisierte die Friedensverhandlungen für Aceh und koordinierte 2007 ein ungewöhnliches Projekt: In Finnland brachte sie irakische Sunniten, Schiiten und Kurden zu Gesprächen zusammen. Unterstützt wurden sie von Experten aus Nordirland und Südafrika, die den Irakern Wege der Konfliktlösung zwischen verfeindeten Gruppen aufzeigten.

Seine Arbeit als Vermittler hat der Nobelpreisträger einmal mit dem Angeln von Lachsen verglichen – der Hobbyangler Ahtisaari weiß, wie schwer diese Fische zu fangen sind. Die Geduld, die man haben muss, um es trotzdem zu versuchen, zeichnet Ahtisaaris Arbeit aus. Immer wieder neu ansetzen, die Gesprächspartner zusammenbringen und: reden, reden, reden. Dabei bleibt der Ex-Präsident selbst stets im Hintergrund. Als er am Freitag gefragt wurde, worauf er denn stolz sei in seiner Friedensarbeit, sagte er nur: „Ich bin stolz darauf, dass ich mit fähigen Menschen arbeiten darf.“

Die Vergabe des Preises fällt in eine Zeit, in der sich im Kaukasus ein Konflikt mit ungewissem Ausgang abspielt, in der Irak, Afghanistan oder der Iran die Diplomatie vor neue Herausforderungen stellen. Das Nobelkomitee wollte mit der Ehrung für den Diplomaten ein Zeichen setzen. „Ahtisaari ist ein herausragender internationaler Vermittler“, so das Komitee. Durch seine unermüdlichen Bemühungen habe er gezeigt, welche Rolle die Mediation bei der Lösung internationaler Konflikte spielen könne. In Oslo hofft man nun, „dass andere von diesen Bemühungen und Erfolgen inspiriert werden“.

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