Politik : Friedensbewegung: Die Sicherheitsbewegung

Jost Müller-Neuhof

Niemals wieder gingen in Deutschland so viele Menschen für den Frieden auf die Straße wie heute vor 20 Jahren. Rund 250 000 Menschen versammelten sich am 10. Oktober 1981 im trauten Idyll des Bonner Hofgartens. Die Nato hatte beschlossen, gegen die sowjetische Bedrohung aufzurüsten. Die Argumente waren übersichtlich: Wer für die Nachrüstung war, versprach sich vom Gleichgewicht der Kräfte dauerhaften Frieden. Wer dagegen war, sah gerade in diesem Wettlauf die tödliche Gefahr.

Die Blöcke von damals gibt es nicht mehr. Dafür gibt es Krieg. Und wie immer mobilisiert die Angst vor ihm die Zivilgesellschaft. In Afghanistan ist sie auf der Flucht, in Deutschland geht sie demonstrieren. Die Friedensbewegung erlebt eine Renaissance. Allein in Berlin werden für den bundesweiten Aktionstag am Samstag 50 000 Menschen erwartet. 20 000 unterschrieben den Aufruf "Die Gewaltspirale unterbrechen", der am Dienstag dem Auswärtigen Amt zugestellt wurde.

Die Welt hat sich verändert, die Friedensbewegung nicht, sagen ihre Kritiker. Das will Kristian Golla vom "Netzwerk Friedenskooperative", dem Nachfolger der Veranstalter jener Bonner Hofgarten-Demo, aber nicht gelten lassen. Die Friedensbewegung habe schon seit jeher die unterschiedlichsten Motive gebündelt. "Dass Gewalt nicht nur von Staaten ausgeht, ist uns nicht neu". Auch das Klischee vom Kerzenträger im Strickpullover, der gegen nichts und niemanden die Hand erhebt, lehnt Golla ab. Er sagt sogar: "Man muss kein Pazifist sein, um sich bei uns zu engagieren".

Als ausgewiesen pazifistisch ist auch eine Gruppe bislang nicht aufgefallen, die jetzt gemeinsam mit dem Netzwerk zu den Demonstrationen aufruft: die Globalisierungsgegner von Attac. Zwar hat sich die Organisation immer wieder von Gewalt distanziert. Doch konnte sie es nicht verhindern, dass ihr Name erst mit den Krawallen von Göteborg und Genua richtig bekannt geworden ist. Sie steht für den Widerstand gegen ungebremsten weltweiten Wettbewerb und unkontrollierte Finanzströme. Doch neu ist auch dies nicht, meint der Friedensaktivist Golla: "Das ist die Diskussion der Nord-Süd-Frage unter anderem Namen." Attacs politische Ziele und die der Friedensbewegung nennt er "die zwei Seiten derselben Medaille". Der Unterschied sei, dass Attac ökonomische Fragen in den Vordergrund rücke.

Genau dies könnte der Grund dafür sein, weshalb die Friedensbewegung - schon von ihrem Namen her - etwas altmodisch wirkt. Im öffentlichen Bewusstsein richten sich ihre Appelle vor allem an Staaten. Doch wie die Entwicklung im globalen Terrorismus zeigt: Nicht nur in der Wirtschaft wird privatisiert, sondern auch in der Gewalt. Gleichwohl zeigt die Friedensbewegung, dass sie zumindest bei der Terminologie auch mitziehen will. "Wann endlich wird begriffen, dass Sicherheit heute nicht mehr durch militärische Sicherheitsvorkehrungen gewährleistet werden kann? Dass Sicherheit heute vor allem sozial, kulturell, ökonomisch und politisch begriffen werden muss"?, heißt es etwa in einer Erklärung des Bundesauschusses Friedensratschlag, die vor überzogenen Reaktionen auf den Terror warnt. Nicht mehr von Frieden ist die Rede, sondern von Sicherheit.

Schon immer wurde der Friedensbewegung vorgeworfen, dass sie keine Konzepte formuliert - weder für den Frieden noch für die Sicherheit. Über die Akzeptanz eines möglichen internationalen Gewaltmonopols mag Kristian Golla denn auch nicht sprechen. "Davon sind wir noch viel zu weit entfernt", sagt er. "Aber jede Verbesserung ist gut".

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