Politik : Friedensgespräche in Zürich – und Kämpfe in Tschetschenien

Rebellen gehen in die Offensive/ Bei Gefechten in der Kaukasusrepublik sterben 30 Menschen / Russlands Ex-Parlamentspräsident vermittelt

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Moskau. Erstmals seit mehreren Monaten liefern tschetschenische Freischärler den russischen Soldaten wieder schwere Kämpfe. Etwa 50 Kämpfer hatten in der Nacht zum Freitag Straßenposten umgangen und waren in drei Dörfer des Landkreises Urusmartan im Südwesten Tschetscheniens eingedrungen. Außerdem griffen Rebellengruppen die russische Kommandantur im Hochgebirgskreis Wedeno an.

Armee, Sondereinheiten des russischen Innenministeriums und die der von Moskau eingesetzten Verwaltung unterstehende tschetschenische Polizei gingen mit Panzern und Kampfhubschraubern gegen die Rebellen vor. Dabei wurden, wie die russische Nachrichtenagentur „Interfax“ unter Berufung auf einen Vertreter des operativen Stabes für die Anti-Terror-Operation im Nordkaukasus mitteilte, 32 Kämpfer getötet. Die Tschetschenen selbst sprechen von lediglich zwei Gefallen und 14 Toten sowie etwa 20 Verwundeten auf russischer Seite.

Moskau befürchtete neue Kämpfe bereits für den 6. August – den Tag, an dem 1996 die Freischärler die Hauptstadt Grosny zurückeroberten und Russland zu Verhandlungen zwangen, durch die Tschetschenien bis zum Beginn des 2. Krieges im Oktober 1999 de facto unabhängig wurde.

Dass es erst jetzt zu den erwarteten Kämpfen kam, erklären Experten mit Diskussionen um eine von Russland diktierte tschetschenische Verfassung und angekündigten Wahlen. Beide Termine – das neue Grundgesetz soll im Oktober per Referendum in Kraft gesetzt, Präsident und Parlament im Mai des kommenden Jahres gewählt werden – waren am Donnerstag bekannt gegeben worden. Mit den Überfällen wollten die Rebellen Moskau offenbar beweisen, dass von einer Befriedung der Republik auch nach drei Jahren Krieg keine Rede sein kann.

Einwohner bestätigten dies indirekt im russischen Dienst des US-Auslandssenders Radio Liberty (RL): Sie seien von den Kämpfern über deren Pläne vorab informiert und gebeten worden, die drei umkämpften Dörfer vorübergehend im Interesse ihrer eigenen Sicherheit zu verlassen. Offensichtlich aus gutem Grund: Eine tschetschenische Journalistin sagte dem Radiosender, es habe Tote unter der Zivilbevölkerung gegeben.

Dazu kommt, dass unmittelbar vor Beginn der Kämpfe Achmed Zakajew, der Sonderbevollmächtigte von Tschetschenenpräsident Aslan Maschadow, in Zürich mit Iwan Rybkin neue Möglichkeiten für Verhandlungen sondiert hatte. Die Mehrheit der tschetschenischen Bevölkerung betrachtet Maschadow nach wie vor als ihren einzig legitimen Vertreter. Iwan Rybkin war bis 1995 russischer Parlamentschef gewesen, danach Sekretär des russischen Sicherheitsrats und gehörte schon während des ersten Tschetschenienkrieges zu dessen Gegnern.

Rybkin sagte in einem Interview mit Radio Liberty, er habe mit Zakajew über Möglichkeiten für ein Ende des Blutvergießens gesprochen, mit denen sowohl das tschetschenische Volk, als auch die russische Führung leben könnten. Er müsse jedoch die Chance bekommen, Putin davon in Kenntnis zu setzen. Den Krieg beenden könne nur der, der ihn begann – Putin. Das sagte auch Zakajew gegenüber dem Sender. Maschadow könne zu jedem gewünschten Zeitpunkt seinen Kämpfern den Befehl zur Feuereinstellung erteilen, er sei in Tschetschenien und habe „die Lage voll unter Kontrolle“.

Trotz wachsenden Unbehagens – nach Umfragen sind 64 Prozent der Russen kriegsmüde – reagierte Moskau offiziell bisher nicht. Dafür konterte das Militär: Internationale Organisationen würden die tschetschenischen Terroristen finanzieren. Darunter die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). Auf das Konto ihrer Mission in Tschetschenien würden bald 100 000 Dollar eingehen, so eine Pressemitteilung der Heeresgruppe Nordkaukasus. Diese seien angeblich für Kriegsopfer bestimmt, faktisch gingen sie „an Familien von Kämpfern“. Elke Windisch

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