Friedensnobelpreis : Tunesien - Jubel für ein Wunder

Der Friedensnobelpreis für das Dialog-Quartett in Tunesien ist eine große Überraschung. Das ganze Land wird damit geehrt. Ein Kommentar.

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Ganz Tunesien hat den Nobelpreis verdient. Nach dem Anschlag islamistischer Extremisten auf das Bardo-Museum versammelten sich im März 2015 Hunderttausende Tunesier, um gegen die Extremisten zu demonstrieren.
Ganz Tunesien hat den Nobelpreis verdient. Nach dem Anschlag islamistischer Extremisten auf das Bardo-Museum versammelten sich im...Foto: AFP

Es war eine Überraschung für das Geburtsland des arabischen Frühlings. In Tunesien hatte niemand vom Friedensnobelpreis auch nur zu träumen gewagt. Entsprechend groß war der Jubel unter den elf Millionen Einwohnern, dass die Dialogkräfte in ihrem Land, in dem Demokratie und Menschenrechte eine Chance bekamen, nun ausgezeichnet wurden.

Der Nobelpreis wirft ein Licht auf die demokratische Entwicklung dieses islamischen Landes. Eine Entwicklung, die Hoffnung macht, dass gesellschaftliche Fortschritte doch möglich sind in der arabischen Welt – aus der zuletzt so viele besorgniserregende Nachrichten von Hass und Terror die Menschheit aufwühlten. Da tut es gut zu wissen, dass Tunesien so etwas wie ein arabisches Musterland ist. Hier begann Ende 2010 die arabische Revolution, und breitete sich dann in andere nordafrikanische Länder aus. Und die erst die Diktatoren in Tunis, dann die in Kairo und Tripolis hinwegfegte. Aber nur in Tunesien kamen nach diesem Frühling auch beispielhafte Reformen in Gang.

Die Mitglieder des Dialog-Quartetts. Die Präsidentin der Arbeitgeber, Wided Bouchamaoui, der Generalsekretär der Gewerkschaften, Houcine Abassi, der Präsident der Menschenrechtsliga, Abdessattar ben Moussa und der Präsident der tunesischen Juristenvereinigung, Mohamed Fadhel Mahmoud.
Die Mitglieder des Dialog-Quartetts. Die Präsidentin der Arbeitgeber, Wided Bouchamaoui, der Generalsekretär der Gewerkschaften,...Foto: REUTERS

Ganz Tunesien kann sich nun zu Recht für die demokratischen Verdienste an die Brust klopfen. Denn der Preis geht nicht an einzelne Personen oder Bewegungen. Sondern an jene tunesischen Organisationen, die weite Teile der Gesellschaft repräsentieren – und diese entscheidend voran brachten: Gewerkschafts- und Arbeitgeberverbände, die Menschenrechtsliga sowie die Anwaltskammer. Diese gesellschaftlichen Kräfte, welche sich unter dem Namen „Tunesisches Quartett für den nationalen Dialog“ zusammenschlossen, kämpften gemeinsam für den Fortschritt und die Freiheit im Land. Vor allem in jenen kritischen Zeiten im Jahr 2013, als die Spannungen zwischen islamischen und weltlichen Kräften immer stärker wurden. Als blinde Gewalt religiöser Fanatiker drohte, alle Früchte der Revolution zunichte zu machen.

Die Tunesier schafften das Wunder

Doch die Tunesier schafften – dank der Vermittlung des „Dialog-Quartetts“ – das Wunder. Sie verabschiedeten Anfang 2014 ihr Grundgesetz, das den Boden für die weitere Demokratisierung bereitete. Eine Verfassung, die seitdem als fortschrittlich und wegweisend für die gesamte arabische Welt gilt. Und die die Grundlage legte für die ersten demokratischen Wahlen im vergangenen Herbst, aus der eine Mehr-Parteien-Regierung hervorging, die weltliche, aber auch moderate islamistische Politiker einschloss. Regierungschef ist ein parteiloser Ökonom, der 66 Jahre alte Habib Essid, der versucht, das Land nun auch wirtschaftlich wieder auf die Beine zu bringen.

Bei allem Jubel sollte aber nicht vergessen werden, dass die Demokratie noch ein zartes Gewächs ist. Zwei schwere Terroranschläge in diesem Jahr, bei denen 60 ausländische Touristen ums Leben kamen, signalisierten, woher die größte Gefahr droht: Die Terrororganisation „Islamischer Staat (IS)“, die sich im Nachbarland Libyen ausbreitet, hat Tunesien den Krieg erklärt, um den Staat ins Chaos zu stürzen und den demokratischen Fortschritt zu stoppen.

Bei der Abwehr dieser größer werdenden Terrorgefahr, die auch schnell übers Mittelmeer nach Europa schwappen kann, brauchen die Tunesier dringend europäische Hilfe. Denn wenn es nicht gelingt, die IS-Terrormilizen zurückzuschlagen, könnte sich der arabische Frühling in Tunesien doch noch in einen arabischen Winter verwandeln.

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