Politik : Friedensprozess: Belfast fürchtet die fünfte Nacht der Gewalt

Martin Alioth

Der kleine Belfaster Junge war auf dem Heimweg von einem Strandausflug, veranstaltet von einer wohltätigen Organisation. Was hätte er denn sonst gemacht an diesem Nachmittag, wurde er gefragt. "Rioting!" kam es mit heller Engelsstimme, das Wort nach lokalem Herkommen zu einer Silbe verkürzt - Randale. Vier aufeinanderfolgende Nächte davon hat Nordirland nun schon auf dem Buckel, der Chef der Fremdenverkehrsbehörde stellte am Donnerstag betrübt fest, diese Saison sei im Eimer. Bars, Restaurants und Geschäfte in der Belfaster Innenstadt machen früher dicht, denn erstens bleibt die Kundschaft ohnehin fern, und zweitens schützen die vergitterten Rollläden gegen Backsteine und Brandbomben.

Am Mittwochabend schwärmten britische Soldaten zum ersten Mal seit zwei Jahren in Belfast aus, um Polizeibeamten Rückendeckung zu gewähren. Die Zahl der gewaltsamen Zwischenfälle liege allein in dieser Woche höher als im ganzen Vorjahr, verkündete ein Armeesprecher. Polizeikommandant Sir Ronnie Flanagan ließ die Medien wissen, er habe guten Grund, bewaffnete Attacken auf seine Beamten zu befürchten. Da mussten brennende Barrikaden abgebaut werden, ein ganzer Bus war entführt worden (glücklicherweise leer), ein alter Mann wurde unsanft von maskierten Jugendlichen aus seinem Wagen gerissen, der alsbald in Flammen aufging. Einer der Täter war so in seine anspruchsvolle Aufgabe vertieft, dass er zum Umkippen des gekaperten Autos seine Maske abstreifte - direkt vor der Linse eines aufmerksamen Fotografen.

Die Liste der gesperrten Straßen lässt sich zu einer Karte des protestantischen Nordirland zusammenfügen. Carrickfergus, Lurgan, Ballymena ... Denn die Gewaltszenen spielen sich ja nicht zwischen Katholiken und Protestanten ab, sondern zwischen Protestanten und den Sicherheitskräften. Die Sorge protestantischer Politiker um die Ehre und den Ruf der nordirischen Polizei fand in den vergangenen Wochen im Zuge der geplanten Reformen beredten Ausdruck; jetzt öffnet sich ein gewisser Begründungsnotstand. Derweil verfluchen die Pendler ihr Schicksal und trommeln aufs Steuerrad. Der Moderator der Presbyterianischen Kirche, das geistliche Oberhaupt des größten protestantischen Bekenntnisses in Nordirland, sprach gestern erfrischend deutliche Worte: Der Oranier-Orden möge seine Proteste umgehend abbrechen und trage die Verantwortung für die Gewalttaten angeblicher Solidaritätsaktionen. Man könne sich nicht in einer Tankstelle eine Zigarette anstecken und jede Schuld an der Explosion leugnen.

Der altkluge Sprecher der Oranier von Portadown meldete sich daraufhin mit der Feststellung, niemand habe erwartet, die Protestaktion werde ein Picknick. Wo gehobelt wird, da fallen Späne. Die Großloge des Ordens selbst, das zentrale Führungsorgan, verurteilte die Gewalt zwar, versicherte den Brüdern von Portadown indessen rückhaltlose Unterstützung. Der Großsekretär der Großloge, wie er offiziell heißt, verwies alle Fragen über die Mitverantwortung jener, die Hunderttausende auf die Straße gerufen hatten, an Harold Gracey, den alternden Chef der Loge "LOL 1" von Portadown, der diesen Aufruf am Sonntag erlassen hatte. Aber der gibt keine Interviews, seit sechs Jahren hält er an dieser Politik fest, während er in seinem Wohnwagen vor der Kirche von Drumcree campiert. So tickt die Uhr weiter. Der Oranier-Orden wünscht angeblich friedliche Proteste gegen die Beschneidung seiner Bürgerrechte (also dem Recht, durch das Katholikenviertel Portadown zu marschieren) und billigt die Schützenhilfe der protestantischen Untergrundverbände und deren Rowdies.

Die Meinungen sind geteilt, ob es noch um den Marsch am Sonntag geht oder um die Friedenspolitik von Chefminister David Trimble oder um die unerwünschte Einsicht, dass Protestanten in Nordirland künftig keine Sonderrechte mehr genießen. Der demokratische Neubeginn in Nordirland wird so oder so unterwandert.

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