Politik : Friedhofsruhe im Phantomstaat

STEPHAN ISRAEL

BANJA LUKA .Nachts und immer öfter auch am Tag liegt ein Lärmteppich über der Stadt.Das Brummen stirbt selten und dann meist nur für kurze Zeit.Hoch über Banja Luka ziehen die Nato-Jets scheinbar unermüdlich Richtung Osten, um Minuten später über Jugoslawien ihre zerstörerische Fracht abzuwerfen.In Banja Luka, der grauen Kapitale der Serbenrepublik in Bosnien, läßt das auch nach zwei Monaten der Angriffe auf das "Mutterland" nebenan niemanden kalt.Am wenigsten offenbar Nikola Poplasen.Der Präsident im Weißen Haus am Hauptplatz trägt einen melierten Bart und rollt immer, wenn er es besonders ernst meint, zornig mit den Augen.Auf dem Weg ins Kabinett warten auf Schritt und Tritt Symbole der Macht.Vor dem Portal steht die glitzernde Limousine mit laufendem Motor.Ein roter Teppich führt die breiten Stiegen hinauf in den dritten Stock.Dort stehen unübersehbar und mit finsteren Blicken die Leibwächter.

Nikola Poplasen, der Präsident der Republika Srspka (RS), versinkt in seinem Sessel: "Der Angriff auf Jugoslawien ist wie ein Angriff auf uns", beginnt er die sonst freundliche Konversation.Gern würde man sich zur Wehr setzen.Die ersten Tage wurden Jugendliche aus den Schulen geholt und angeblich mit 20 Mark pro Kopf zum Stellvertreterkrieg motiviert.Die Bilanz: Eingeschlagene Scheiben, geplünderte Botschaftsgebäude und vorübergehender Totalabzug derjenigen, die das marode Land mehr schlecht als recht am Leben erhalten.

Gern würde man zumindest von Amtes wegen auch das Mütchen kühlen an den SFOR-Soldaten, die in Bosnien den fragilen Waffenstillstand hüten.Alle Serben haben Waffen, und von vielen weiß nicht einmal die Nato-Friedenstruppe: "Die Serben haben 500 Jahre Erfahrung damit, ihre Waffen zu verstecken", sagt Poplasen mit drohendem Unterton.Doch Poplasen ist sich der Machtverhältnisse im besetzten Land bewußt und denkt ohnehin längerfristig: "Unser Ziel ist es, das biologische Überleben der Serben zu sichern, wo immer wir in der Mehrheit sind." Die pathetische Regierungserklärung ist durchaus ernst gemeint.Der Präsident weiß auch, woher Gefahr droht.Mit den Europäern versteht man sich zumindest informell ganz gut.Die USA, die Amerikaner sind die Feinde.Ihnen geht es nicht um Menschenrechte, sondern um kommerzielle Interessen und Profitmaximierung, weiß Poplasen.Und diesem Bestreben stehen die Serben im Weg.

Der Präsident redet und redet und schaut nie auf seine dicke Uhr.Nikola Poplasen ist vielleicht der einzige Staatspräsident, der unendlich viel Zeit hat."Der Präsident, der von der internationalen Gemeinschaft abgesetzt wurde", so der umständliche Titel im Fernsehen der RS.Nikola Poplasen simuliert nur noch, doch er spielt seine Rolle als Präsident überzeugend gut.Eigentlich hätte er seine Residenz längst verlassen müssen.Anfang März hat ihn Carlos Westendorp, Bosniens heimlicher Gouverneur, entlassen.Poplasen hatte sich allzu offensichtlich als Statthalter der Belgrader Interessen entpuppt.Von seinem Auftraggeber, dem Ultranationalisten Vojislav Seselj, hat er den Auftrag, auszuharren.Poplasen will sich dem Diktat der Protektoratsbehörde in Sarajevo nicht beugen.Und seither herrscht ein Patt.

In der RS funktioniert seit Beginn der Nato-Angriffe auf Jugoslawien gar nichts mehr.Poplasen weigert sich zu gehen.Und acht Monate nach den letzten Wahlen unter internationaler Aufsicht fehlt noch immer eine neue Regierung.Der westlich orientierte Premier Dodik, von Poplasen als "Verräter" beschimpft, macht vorerst mit dem Segen der Protektoratsbehörde weiter.Die Politiker im bosnisch-serbischen Phantomstaat können mit der Pattsituation gut leben.Auch bei den serbischen Vertetern in den gesamtbosnischen Institutionen weiß man nie genau, ob sie ihre Funktionen "aus Protest" gerade wieder niedergelegt haben oder nicht.Ohnehin regiert immer offensichtlicher Carlos Westendorp, der Hohe Repräsentante (OHR) in Sarajevo, der seine Dekrete per Fax verschickt.

Doch die organisierte Wut der ersten Tage ist verebbt.Jetzt ist in Banja Luka eine Art Friedhofsruhe eingekehrt.Violeta, eine junge Frau um die 20, ist eine von denen, die in den freien Stunden zusammen mit ihrer Mutter vom Balkon aus den Himmel nach Flugzeugen absucht: "Am liebsten möchte ich sie abschießen." Wie sie sind viele in Gedanken bei den Freunden und Verwandten, die fast jeder im "Mutterland" hat.Doch die Mehrheit zieht, wenn wieder die Kampfjets fliegen, insgeheim den Kopf ein: Man ist doch froh, daß es diesmal andere trifft.Ohnehin wird unterschieden zwischen der Solidarität mit den Serben am östlichen Ufer der Drina und dem Milosevic-Regime, für das nur noch wenige in den Krieg ziehen wollen.

In den ersten Tagen ist ein Tross von 2000 Offizieren, noch immer von Belgrad bezahlt, Richtung Jugoslawien gezogen.Dem Zug der Berufssoldaten folgte mehr oder weniger diskret eine kleinere Gruppe von Freiwilligen für den Kosovo-Einsatz.In der Gegenrichtung haben sich ein paar tausend Serben in Banja Luka aus Furcht vor den Nato-Bombern abgesetzt.Die meisten sind in Limousinen und mit dicken Geldbeuteln gekommen.Sie werden hinter vorgehaltener Hand beschuldigt, die Wohnungsmieten in der überfüllten Stadt um bis zu 200 Mark hinaufgetrieben zu haben.Diskreter sind die Dienstverweigerer, die bei Verwandten untergeschlüpft sind.

In Banja Luka hat man sich wieder dem eigenen täglichen Überlebenskampf zugewendet.Schon vor den Bomben der Nato waren in der bosnischen Serbenrepublik 40 Prozent oder 250 000 ohne Arbeit.Jetzt ist das Heer der Arbeitslosen um weitere 50 000 gewachsen.Doch selbst mit dem Durchschnittslohn von 150 Mark kann keine Familie in Banja Luka leben.Viele fürchten bereits das nächste Jahr, wenn die internationale Aufbauhilfe langsam versiegen wird.Doch für Perica Vucinic, Chefredakteur des unabhängigen Magazins "Reporter", wäre die Katastrophe erst komplett, wenn Milosevic am Ende an der Macht bleiben würde: "Das wäre der Beweis dafür, daß die Nato den Krieg ohne Ziel geführt und eine Diktatur noch zementiert hat."

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