Politik : Frostiger Empfang für Bush

Susanne Güsten[Ankara]

Eine Welle der Sympathie schlug dem US-Präsidenten bei seinem Besuch in der Türkei entgegen. Jubelnd umringten die Türken den Führer der westlichen Welt, Hunderte Hände streckten sich ihm beim Spaziergang durch eine begeisterte Menge entgegen. Das war beim Besuch von Bill Clinton vor fünf Jahren. Der Empfang für George W. Bush am Sonntag hätte keinen schärferen Kontrast abgeben können. Polizisten schirmten Bush vor der Bevölkerung ab, Zehntausende protestierten auf den Straßen gegen seinen Besuch. Frostig fiel auch der offizielle Empfang in Ankara aus, wo die türkische Regierung Bush mit Vorwürfen überhäufte.

Eine ganze Liste von Beschwerden über die amerikanische Irak-Politik trug Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan dem US-Präsidenten vor. Insbesondere die seit Wochen zunehmenden Angriffe der aus Nordirak agierenden kurdischen PKK-Rebellen auf türkisches Gebiet erbosen Ankara; die USA müssten endlich dagegen einschreiten, forderte Erdogan. Auch auf die Einheit von Irak pochte er kräftig und zeigte damit, dass er den amerikanischen Garantien gegen einen Kurdenstaat im Nordirak nicht traut. Dass Bush mit einem Plädoyer für die Aufnahme der Türkei in die EU zu beschwichtigen versuchte, konnte seine Gastgeber nicht versöhnen. Immerhin entscheiden nicht die USA, sondern die EU selbst über Beitrittsgespräche. Auch dass der US-Präsident die Türkei wieder einmal als moslemische Demokratie und Modell für die ganze Region pries, nervte die Türken eher, als dass es sie mit Stolz erfüllte. Die Türkei kümmere sich um ihre eigenen Probleme und wolle niemandem als Modell vorgehalten werden, sagte Außenminister Abdullah Gül.

Einen weiteren Schatten warf die Entführung von drei türkischen Arbeitern im Irak auf den Staatsbesuch, zu dem Bush nach Istanbul weiterreiste. Sollten die drei Türken wie angedroht während des Nato-Gipfels enthauptet werden, dürfte das den türkischen Volkszorn gegen Bush weiter anfachen.

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