Politik : Früh ins Bett

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Ich bin, damals 13 Jahre, direkt an der untrennbar mit dem Mauerbau verbundenen Bernauer Straße aufgewachsen. Am 9. November besuchte ich meinen Sportverein und sah auf dem Heimweg, dass die Straße in Richtung des damaligen Grenzübergangs HeinrichHeine-Straße vollkommen untypisch sehr belebt war. Dem Neugierreflex konnte ich jedoch leider nicht folgen – ich sollte pünktlich zum Abendessen zu Hause sein. Doch auch die Fernsehinformationen blieben mir verschlossen, denn ich musste früh um 7 Uhr in der Schule sein. Unser Lehrer war von der Unwissenheit derjenigen – sehr wenigen Schüler, die am 10. November zum Englisch-Unterricht erschienen, eher amüsiert. So verbrachten wir die Stunde vor dem Fernseher – hin- und hergerissen zwischen Aufgeregtheit und Unsicherheit. Das Gefühl von Unsicherheit sowie einer rasant schneller werdenden Zeit prägt noch heute meine Erinnerung an dieWendezeit. Die Maueröffnung ist dabei nur eines der Ereignisse, die in wenigen Monaten für meinen Jahrgang die Kindheit abrupt beendeten. Es gab in der Zeit viel neues Schönes, aber seltsam: Ich treffe immer damalige Jugendliche, die mir erzählen, dass sich 1989/90 ihre Eltern trennten. Das Schulsystem, die Lehrpläne, viele geplante Berufswege, letztlich das gesamte staatliche System wurden in Frage gestellt, verschwanden oder veränderten sich fundamental – nicht selten auch der familiäre Hintergrund. Was individuell bleibt, ist eine wichtige Erfahrung und mein bester Freund Felix in Frankfurt am Main, den ich – wie furchtbar – ohne Mauerfall nie kennen gelernt hätte. Fotos: privat, imago

Benjamin Hoff war 1989 Schüler und ist heute wissenschaftspolitischer Sprecher der Berliner PDS-Fraktion.

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