Politik : Frühe Leere

Soziologe Pfeiffer will Hauptschulen abschaffen und nicht zu „Bewahranstalten mit Suppenküche“ machen

Antje Sirleschtov

Berlin - Wie viele Jugendliche und Kinder zu der Unterschicht zählen, auf deren Probleme der SPD-Vorsitzende Kurt Beck in der vergangenen Woche hingewiesen hat, hat der niedersächsische Soziologe und Kriminologe Christian Pfeiffer in der Auswertung einer bundesweiten Schülerbefragung festgestellt: „Zehn bis 15 Prozent der unter 18-Jährigen zählen zur Unterschicht“, sagt Pfeiffer. In manchen Regionen des Landes seien es sogar 20 Prozent der Jugendlichen, die über zu wenig Bildung verfügen und keine Aufstiegsschancen für sich sehen. Der SPD-Vorsitzende hatte auf einen Teil der Bevölkerung hingewiesen, der für sich selbst weder Chancen noch Motivation sieht, sich aus der eigenen prekären sozialen Lage zu befreien. In Ostdeutschland sei dieses Problem besonders groß – Pfeiffer meint, ein Viertel aller ostdeutschen Jugendlichen verharre in dieser Ausweglosigkeit, besonders betroffen seien Jungs. In der Gruppe der Migranten gehe die Zahl bundesweit sogar auf 30 bis 35 Prozent nach oben.

Pfeiffers Analyse dieses Befundes klingt wie eine Bankrotterklärung des deutschen Schulsystems, das bereits nach den ersten Pisa-Ergebnissen in Verruf geraten ist. „Unterschichten hat unser Schulsystem systematisch produziert“, sagt Pfeiffer. Durch zu frühe Aussonderung Schwächerer und zu wenig Angebote am Nachmittag. Vor allem junge männliche Hauptschüler, hat Pfeiffer herausgefunden, sitzen täglich bis zu fünf Stunden vor Fernsehapparaten. „Sie haben keine richtigen Lebensinhalte mehr“, sagt der Soziologe. Seine Umfrage ergab: Während in den Haushalten gebildeter Eltern nur rund zehn Prozent der Kinder im Alter von zehn Jahren einen eigenen Fernseher oder eine eigene Playstation besitzen, sind es in den sozialen Unterschichten 57 Prozent. „Die Kinder vergammeln am Nachmittag“, urteilt Pfeiffer, „weil das Schulsystem ihnen keine Angebote macht, durch die sie Lust auf Leben bekommen“.

Wer so aufgewachsen ist – ohne ausreichende Bildung und zu früh in die Hauptschule abgeschoben – fühlt sich schon als Jugendlicher in die Klasse der Verlierer eingeordnet, ergab die Schülerbefragung. Und Verlierer setzen nicht selten, wenn sie Eltern werden, wieder Verlierer in die Welt. „Wir haben Familien in mehreren Generationen, in denen niemand mehr daran glaubt, dass es für ihn noch eine Möglichkeit gibt, der Sozialhilfe zu entfliehen“, sagt Pfeiffer.

„Viel zu spät“, meint der Wissenschaftler, erkenne die politische Elite nun den Ernst der Lage. „Kinder müssen nachmittags aus der Leere gerissen werden“, sagt er, und das könne nur ein gut funktionierendes System von Ganztagsschulen leisten. Das Ausland mache seit langem vor, wie es geht. Der von der rot-grünen Bundesregierung initiierte Aufbau des Schulsystems der Ganztagsschulen gehe jedoch noch zu zögerlich voran. Das sei nicht nur eine Frage des Geldes, sondern auch der Inhalte. „Es nützt nichts, Bewahranstalten mit Suppenküche für den Nachmittag aufzubauen“, warnt Pfeiffer vor zu wenigen inhaltlichen Angeboten in den bereits existierenden Ganztagsschulen. Die Kinder müssten durch Sport, Kultur und andere Bildungsangebote Lust auf das Leben bekommen.

Vordringlich in der Schulreform jedoch, meint Pfeiffer, sei die Abschaffung der Hauptschule. „Je eher wir uns von der Hauptschule verabschieden, umso besser für die Kinder.“ Ohnehin fänden Hauptschulabgänger kaum mehr eine Lehrstelle, weil die Unternehmen sie für nicht ausbildungsfähig hielten. Und zur Erweiterung der Chancen auf eine Berufsausbildung rät Pfeiffer zu einer Verstärkung des naturwissenschaftlichen, technischen und auch handwerklichen Unterrichts in den Schulen. „Es muss wieder cool werden, Ingenieur oder Techniker zu werden“, sagt er. Dann würden auch wieder mehr Kinder, die nicht auf Universitäten streben, für sich eine Chance sehen, einen anerkannten Beruf zu lernen, mit dem sie sich und ihre Familien ernähren können.

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