Früherer Chemiewaffeninspektor : "Wir müssen wachsam bleiben"

Stefan Mogl war Chemiewaffeninspektor der Organisation zum Verbot von Chemiewaffen (OPCW) und 2012/13 Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats. Im Interview bewertet er die Erfolgschancen der OPCW in Syrien und erzählt, welche wissenschaftlichen Entwicklungen ihn beunruhigen.

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OPCW-Direktor Ahmet Uzumcu bei der Pressekonferenz zum Friedennobelpreis.
OPCW-Direktor Ahmet Uzumcu bei der Pressekonferenz zum Friedennobelpreis.Foto: AFP

Wird sich der Nobelpreis auf die Arbeit der OPWC auswirken?

Ich hoffe es! Die Organisation ist sehr wichtig. Zum einen hat uns in Syrien die Vergangenheit eingeholt. Wir haben wieder gesehen, wie schlimm chemische Waffen sind und wie brutal sie eingesetzt werden können. Zum anderen muss der Rüstungskontrollvertrag für die Zukunft gestärkt werden. Der Vertrag soll für alle Zeiten verhindern, dass toxische  Stoffe im Kriegsfall als Waffen eingesetzt  werden. Deshalb ist  es sehr wichtig, mit den entsprechenden  Entwicklungen in Wissenschaft und Technik Schritt zu halten und das Abkommen entsprechend zu stärken. Sonst kommt es zu Entwicklungen, die irgendwann nicht mehr zu stoppen sind.

Glauben Sie, die OPCW-Inspektoren werden tatsächlich  Syriens Chemiewaffenarsenal zerstören können?

Man muss unterscheiden zwischen der technischen Herausforderung und der Sicherheitsproblematik. Technisch ist die Aufgabe zu bewerkstelligen, wenn das Ziel ist, den Einsatz der Bestände unmöglich zu machen. Vermutlich wird man sie bis Mitte 2014 nicht alle unwiederbringlich vernichten können; aber man kann zumindest sicherstellen, dass die entsprechenden toxischen Substanzen und deren Trägersysteme sowie die Produktionsstätten nicht mehr eingesetzt werden können. Die große Problematik aber ist in Syrien die Sicherheit der Inspektoren selbst. Wenn sie keinen sicheren Zugang aufgrund der militärischen Auseinandersetzungen haben, können sie auch nicht arbeiten.

Stefan Mogl.
Stefan Mogl.Foto: Labor SPIEZ

Gibt es eine Renaissance der Chemiewaffen?

Das wäre zu viel gesagt. Aber man muss wachsam bleiben. Die Erfahrung zeigt sonst, dass große wissenschaftliche und technische Fortschritte leider immer irgendwann Einzug in militärische Überlegungen gehalten haben.

Was befürchten Sie?

Denken Sie zum Beispiel an so genannte handlungsunfähig machende Stoffe – ein schreckliches Wort. Seit im Oktober 2002 die russische Polizei bei der Geiselbefreiung im Moskauer Dubrowka-Theater ein entsprechendes Gas eingesetzt hat, wird das Thema intensiv diskutiert. Die Neuro-Wissenschaft hat große Fortschritte was die Verabreichung solcher Stoffe betrifft, zudem wurde die Wirkung derartiger Chemiekalien weiterentwickelt. Hier müssen die politischen Stellen der OPCW klären, was erlaubt sein soll und was nicht. .

Der Einsatz in Moskau, bei dem viele Menschen an dem Gas starben, verstieß gegen die Chemiewaffenkonvention?

Aus meiner Sicht nein. Die Geiselbefreiung war eine Polizeiaktion im eigenen Land und fiel deshalb nicht unter die Beschränkung des Chemiewaffeneinkommens, es gibt aber auch Experten, die anderer Meinung sind. Aber auch auf internationaler Ebene könnte zum Beispiel im Rahmen des Peace-Enforcements ein Mandat, das als normaler Polizeieinsatz beginnt, eskalieren. Daran denke ich.

Sieben Staaten sind noch keine Mitglieder des OPCW, darunter Israel, Myanmar, Nordkorea und Syrien. Warum nicht?

Es steht mir nicht an, darüber zu spekulieren. Aber in der Vergangenheit argumentierte zum Beispiel Syrien, wegen Israel nicht beitreten zu können, und umgekehrt. Da Damaskus jetzt seinen Beitritt angekündigt hat, besteht vielleicht die Chance, dass sich politisch etwas bewegt und noch weitere Staaten dem Chemiewaffenübereinkommen beitreten.

Sie sind selbst von der OPCW ausgebildet worden – warum wurden Sie Chemiewaffeninspektors?

Das war eher ein Zufall. 1997 las ich in einem Zeitungsinserat, dass für eine neue internationale Organisation in Den Haag 160 Chemiker gesucht werden. Das fand ich spannend. Ich war damals analytischer Chemiker und an der Arbeit in einem internationalen Umfeld interessiert. Zu dieser Zeit wurde sehr viel über entsprechende UN-Inspektionen im Irak berichtet, der Aspekt der Abrüstung spielte für mich eine wichtige Rolle.

Was gehört zur Ausbildung eines Chemiewaffeninspektors der OPCW?

Sie müssen sich mit den Gepflogenheiten des Übereinkommens auskennen, und natürlich etwas von Chemiewaffen verstehen, wie entsprechende Munition aussieht, was es für Techniken zur Probenanalyse gibt und so weiter. Und sie müssen in einer multikulturellen Umgebung zurechtkommen. Ihr Team vor Ort besteht aus vielen verschiedenen Nationalitäten mit den unterschiedlichsten Hintergründen, das braucht  ein gewisses Feingefühl. Meine Erfahrung  war aber, dass es nicht nur eine wunderbare Sache ist, mit Menschen aus verschiedenen Kulturen zusammenzuarbeiten, sondern sogar fast einfacher, als wenn alle denselben Hintergrund haben. Man ist dann einfach toleranter.

Was haben Sie als Inspektor gemacht?

Ein großer Teil meiner Aufgabe bestand im Monitoring der Chemiewaffenvernichtung. Werden irgendwo derartige Waffen zerstört, müssen Inspektoren der OPCW dies verifizieren. Ich war damals bei vielen Anlagen in den USA mit dabei. Das war sehr spannend.

Der Chemiewaffenexperte Stefan Mogl arbeitet im Spiez im Schweizer Bundesamt für Bevölkerungsschutz. Er war mehrere Jahre Chemiewaffeninspektor bei der OPCW und war 2012/2013 Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats der Organisation.

 

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