• Potsdamer Neueste Nachrichten
  • Bootshandel
  • Qiez
  • zweitehand
  • twotickets
  • Berliner Köpfe
  • wetterdienst berlin

Früherer tschechischer Präsident : Vaclav Havel ist tot

18.12.2011 12:15 Uhr
Der frühere tschechische Präsident ist im Alter von 75 Jahren gestorben.Bild vergrößern
Der frühere tschechische Präsident ist im Alter von 75 Jahren gestorben. - Foto: dpa

UpdateDer ehemalige tschechische Präsident ist im Alter von 75 Jahren gestorben. Havel war während der kommunistischen Ära in der Tschechoslowakei die Schlüsselfigur im gewaltlosen Kampf gegen das Regime.

Der frühere tschechische Präsident und Dissident Vaclav Havel ist im Alter von 75 Jahren gestorben. Eine Sprecherin bestätigt seinen Tod. Havel sei am Sonntagmorgen gestorben, sagte Sabina Tancevova. Seine Frau Dagmar sei zuletzt bei ihm gewesen. Entgegen erster Berichte sei Havel nicht in Prag, sondern auf seinem Gut nahe dem ostböhmischen Ort Hradecek gestorben.

Als Folge seiner jahrelangen Gefängnisaufenthalte unter dem kommunistischen Regime litt Havel unter einer chronischen Atemwegserkrankung. Zudem wurde er 1996 wegen Lungenkrebs operiert. Havel war während der kommunistischen Ära in der Tschechoslowakei (1948-1989) die Schlüsselfigur im gewaltlosen Kampf gegen das Regime.

Das Leben Vaclav Havels war reich an Höhen und Tiefen wie selten ein anderes: Im Wendejahr 1989 wurde Havel zur Symbolfigur des demokratischen Aufbruchs. Von 1989 bis 1993 war er Präsident der damaligen Tschechoslowakei, anschließend bis 2003 Staatsoberhaupt der neu gegründeten Tschechischen Republik. Bis zu seinem Ausscheiden aus dem Amt betrieb Havel erfolgreich die Anbindung Tschechiens an Nato und EU. Vor und nach seiner Zeit als Präsident war er auch ein erfolgreicher Theaterautor.

Havel wuchs in einer Prager großbürgerlichen Familie auf, die die Bindungen zu der freiheitlichen Vorkriegszeit wenigstens im Privatbereich pflegen konnte und es auch tat. Nach dem kommunistischen Putsch von 1948 wurde die Familie Havel enteignet und von den neuen Machthabern schikaniert.

Früh hat der spätere Dissident gelernt, geduldig Umwege zu gehen. Das Gymnasium blieb dem „Bürgersöhnchen“ von den Verwaltern der Kaderakten versperrt. Er arbeitete als Laborant, holte das Abitur an der Abendschule nach und absolvierte seinen Militärdienst. Am Prager Theater ABC bekommt er 1959 einen Job als Bühnenarbeiter, wechselt ein Jahr später ans „Theater am Geländer“, das sein allmählicher Aufstieg berühmt gemacht hat. Schnell arbeitet er sich zum Dramaturgen empor.

Die Zeit des Ausbrechens aus der Theaternische sieht der Dramatiker 1976 gekommen. Anlass ist die Verhaftung der Rockgruppe „Plastic People of the Universe“ wegen ihrer unerwünschten Musik und ihres unkonventionellen Lebensstils. Havel beteiligt sich am aussichtslos erscheinenden Kampf einiger Weniger, „weil das Regime jetzt nicht mehr nur seine politischen Gegner angriff, sondern das Leben selbst“. Aus dem Einsatz für die Freiheit der Rock-Musiker entsteht die „Charta 77“, die Havel gemeinsam mit dem Philosophen Jan Patocka verfasst und die  von entschlossenen Oppositionellen unterschrieben zum Namen der Bewegung gegen die Unterdrückung in der Tschechoslowakei wird.

Den Hauptakteur Havel schrecken Bespitzelung, Verhöre, Prozesse und zwei Gefängnisstrafen nicht von der Verteidigung seines Grundsatzes ab, „laut die Wahrheit zu sagen“. Aus der ersten Haft wird Havel nach etwas mehr als drei Jahren wegen einer lebensgefährlichen Lungenentzündung entlassen, deren Folgen er nie ganz auskurieren konnte.

Im November 1989 genügte dann ein kleiner Funken  ein brutaler Polizeieinsatz gegen demonstrierende Studenten in Prag, um die Charta-Oppositionellen zum Rückgrat des blitzartig aufflammenden Massenprotestes in der Tschechoslowakei werden zu lassen. Nicht mehr Reformkommunisten wie Alexander Dubcek sind die Gallionsfiguren. Die „samtene Revolution“ findet in Systemkritikern wie Havel Organisatoren, die zum unblutigen Verlauf entscheidend beitragen.

Seine konkurrenzlose Wahl zum ersten, wirklich demokratischen Nachkriegspräsidenten erwies sich als ein Glücksfall für sein Land. Besonders in der ersten Umbruchphase trug Havel wesentlich zur Versachlichung der Debatten bei. Das Auseinanderbrechen der Tschechischen und Slowakischen Föderativen Republik konnte er zwar nicht verhindern. Dass die „tschechoslowakische Scheidung“ ohne größere Konflikte verlief, ist aber zum großen Teil Havels wiederum Verdienst.

Eigentlich wollte Havel nur als Übergangspräsident amtieren, doch das ließ sein Verantwortungsbewusstsein nicht zu. Ein besonderes Anliegen war ihm die Aussöhnung mit den deutschen Nachbarn. Im Oktober 1991 paraphierte er mit Bundespräsident Richard von Weizsäcker einen „Freundschafts- und Nachbarschaftsvertrag“.

Außenpolitisch blieb Havel auf der Linie der USA und der Nato. Zur „Verteidigung der Freiheit und der Menschenrechte“ unterstützte er die Kriege im Kosovo, in Afghanistan und im Irak - eine Einstellung, die er mit vielen früheren Dissidenten des Landes teilte. Als eine seiner letzten Amtshandlungen reihte Havels Tschechien in die „Koalition der Willigen“ ein, obwohl die Regierung und die Mehrheit der Bürger den Irakkrieg ablehnten.

Bei seinen Landsleuten hat das Staatsoberhaupt dennoch nie entscheidend an Beliebtheit eingebüßt. Was der Bevölkerung am Präsidenten nicht passte, wurde seit der Heirat 1997 auf den Einfluss der 16 Jahre jüngeren First Lady zurückgeführt. Nie konnte die attraktive Ex-Schauspielerin Dagmar Havlova die Popularität von Havels erster Frau Olga erreichen, die 1995 unter riesiger Anteilnahme der Bevölkerung im Alter von ebenfalls nur 61 Jahren an Krebs gestorben war. Mit der Proletarier-Tochter hatte den Patriziersohn über Jahrzehnte eine nüchterne, aber äußerst intensive Beziehung verbunden. Mit seinen „Briefen an Olga“ aus dem Gefängnis hat Havel der Gefährtin ein Denkmal gesetzt.

Schon mehrfach war Vaclav Havel schwer erkrankt. Im Jahr 1996 unterzog sich der bis dahin starke Raucher im Jahr 1996 einer Krebsoperation. 1997 folgte ein Krankenhausaufenthalt zur Entfernung einer Zysthe an den Bronchien und 1998 ein Noteingriff am Darm.

In den vergangenen Jahren hatte er sich krankheitsbedingt weitgehend aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen. Erst im Frühjahr musste er sich zur Behandlung ins Krankenhaus begeben. Die Welt hat nun einen nachdenklichen Staatsmann verloren, der das graue Heer vieler seiner Amtskollegen in seinem geistigen Horizont weit übertraf.

(TSp mit dpa)

Es ist sechs Uhr morgens und Sie haben die wichtigsten Zeitungen schon gelesen. Oder die Tagesspiegel Morgenlage. Redaktionsschluss fünf Uhr morgens. Minuten später auf Ihrem Smartphone, Tablet oder Computer. Die kostenlose Nachrichten- und Presseschau gibt es für Politik-Entscheider oder Wirtschafts-Entscheider. Entscheiden Sie sich für eine oder beide.

Die Afghanistan-Connection


Sie waren zusammen im Afghanistan-Einsatz. Jetzt sitzen sie auf entscheidenden Posten im Ministerium. Sie prägen das Bild, das sich die Ministerin macht. Sie bestimmen Ausrichtung, Struktur und Selbstverständnis der Truppe. Welche Folgen hat das für Deutschlands Sicherheit?
Eine Recherchekooperation des Tagesspiegels mit dem ARD-Magazin "Fakt".

Die Afghanistan-Connection
Folgen Sie unserer Politikredaktion auf Twitter:

Dagmar Dehmer:


Andrea Dernbach:


Cordula Eubel:


Fabian Leber:


Matthias Meisner:


Elisa Simantke:


Christian Tretbar:


Claudia von Salzen:

Tagesspiegel twittert

Service

Weitere Themen

Todesopfer rechter Gewalt