Politik : Frühling ? Was bleibt vom libyschen

Vor einem Jahr endete die libysche Revolution. Von Februar bis Oktober 2011 kämpften die Menschen erfolgreich für ihre Freiheit und beendeten 42 Jahre brutaler Diktatur unter Muammar al Gaddafi.

Louis Quail
Foto: Privat
Foto: Privat

Von allen Ländern des Arabischen Frühlings hat Libyen mich am meisten interessiert. Die Art, wie die Menschen solch einen brutalen Diktator beseitigten, während sie gleichzeitig die Demokratie einführten und die Kontrolle über die Revolution behielten, so dass es nicht zu einem Aufstand wie in Syrien kam – das war inspirierend, geradezu überwältigend.

Ganz Libyen scheint hinter dem demokratischen Wandel zu stehen. Nach der Ermordung des amerikanischen Botschafters vor wenigen Wochen gingen 30 000 Menschen auf die Straße, um die islamistischen Milizen zu vertreiben, die sie für diese furchtbare Tat verantwortlich machten.

Dies ist eine wahrhaft populäre Revolution. Und dennoch: Über die islamistischen Extremisten haben wir so viel erfahren, doch wer hat die beeindruckende Reaktion der Menschen wenige Tage danach zur Kenntnis genommen?

Im Wesen der Medien liegt es, über dramatische Entwicklungen zu berichten, über die aufregendsten Geschichten, die es gibt. Meine persönliche Antwort ist es, und war es immer, dass es einen vielschichtigeren und ehrlicheren Weg geben muss, um die Geschichten zu erzählen und sie zu verstehen. Unser Bild von Libyen beruht auf der Medienmaschinerie, die sich auf Konflikte und die politische Großwetterlage konzentriert. Aber nur, wenn wir mit den Betroffenen dieser Revolution sprechen, können wir wirklich das ganze Bild sehen. Und das, was von Muammar al Gaddafi bleibt.

Fasziniert von dem Land und getrieben von dem Wunsch, die Geschichten weniger sensationsheischend zu erzählen, konnte ich nicht anders, als nach Libyen zu reisen.

Natürlich gibt es noch immer große Schwierigkeiten in dem Land, das sich nicht nur von der Revolution, sondern auch von 42 Jahren brutaler Diktatur erholen muss. Während ich in Libyen war, kam es vor meinem Hotel zu einer Schießerei, und der Flughafen wurde von einer aufgebrachten Miliz besetzt. So schockierend das war, mein Bild von Libyen hat es nicht dauerhaft beeinflusst.

Ich habe beeindruckende Menschen getroffen, wie den Anwalt Ghelaio – ein Deserteur, der in den Kampf zog, um seine Familie zu beschützen, und der nun für ein wirklich freies Libyen streitet. Oder wie die 15 Revolutionärinnen aus Tajoura, die ihr Leben beim Kampf für die Freiheit riskierten.

Wo jeder Haushalt ein Gewehr besitzt und es einfach ist, sich sogar Granaten zu beschaffen, ist es nicht überraschend, wenn es Ärger gibt. Am Ende war ich aber beeindruckt, wie selten das passiert. Libyen ist ein problematisches Land, aber auch ein gemäßigtes. Die meisten Libyer waren freundlich und optimistisch, dass da eine bessere Zukunft vor ihnen und ihren Landsleuten liegt.

Ich habe fotografiert, habe mir Zeit genommen und Menschen interviewt, manchmal sehr ausführlich. Mein Gefühl war, dass es genauso wichtig ist, das Leben dieser normalen Menschen, die in außergewöhnlichen Umständen lebten, zu dokumentieren und zu würdigen, und über ihre Tragödien, ihren Mut und ihre Geduld zu berichten – ganz zu schweigen von ihrer Ausgeglichenheit und ihrer Toleranz.

In der Regel waren die Menschen in Libyen dankbar, dass sie zumindest offen sprechen konnten, freundlich waren sie immer.

Das Einzige, was ich bereue, ist, dass ich die faszinierenden römischen Ruinen außerhalb von Tripolis nicht besuchen konnte. Ich wette darauf, dass ich, wenn ich in ein paar Jahren nach Libyen zurückkehre, einer von tausenden Touristen sein werde, die ein friedliches Land mit einer beeindruckenden Geschichte genießen.

Der Fotograf

Louis Quail lebt

in London.

Vom 5. bis zum

25. Juni 2012 war er in Libyen unterwegs.

Seine Texte

übersetzte

Juliane Schäuble.

0 Kommentare

Neuester Kommentar