Politik : Frühstück mit Milosevic

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Von Gemma Pörzgen, Belgrad

Morgens, beim ersten Kaffee, sieht sich das Belgrader Ehepaar Soro im Fernsehen den Milosevic-Prozess an. „Das war unser Leben. Da wollen wir wissen, wie alles wirklich gewesen ist“, sagt die 57-jährige Leposava. Ihr Mann Bosko war überzeugter Milosevic-Anhänger. Vor einem Jahr hat die Regierung den Ex-Präsidenten an Den Haag ausgeliefert. Heute sagt Bosko: „Milosevic ist Vergangenheit“ und diskutiert über den aktuellen Machtkampf in Belgrad. Tochter Lidija ist Politik egal. „Ich war 15 Jahre alt, als die Kriege losgingen,“ sagt sie „Da habe ich gelernt von einem Tag auf den anderen zu leben.“ Seit Milosevic erkrankt ist und im Fernsehen nicht mehr auftritt, sieht die Familie aber lieber die Fußball-Weltmeisterschaft.

Dass sich die Live-Schaltung zu Milosevic als Publikumsrenner erwies, hatte die Redaktion des legendären Radio- und Fernsehsenders B 92 überrascht. Vor allem, wenn prominente Zeugen wie der Kosovo-Politiker Ibrahim Rugova auftraten, konnte die Quote mit populären Unterhaltungsshows mithalten. „Wir wollen dafür sorgen, dass die Vergangenheit nicht vergessen wird,“ sagt Redakteurin Ivana Konstantinovic. „Wir wollen unsere Zuschauer nicht nur mit Milosevic, sondern mit den Verbrechen während der Balkan-Kriege konfrontieren.“

Der Sender ist Vorreiter bei dem Versuch, zumindest in Teilen des Landes, die Öffentlichkeit über diese Verbrechen zu informieren. „Da sind einmal die Leute, die nichts mehr hören wollen“, sagt die Journalistin Jasmina Jankovic, die bei B92 die populäre Radiosendung „Katharsis“ leitet. Dann gebe es die Opfer, die ihre Kinder im Krieg verloren haben, vertrieben oder vergewaltigt worden sind. Für sie sei es wichtig, Milosevic vor Gericht zu sehen. Die Radiofrau lässt jeden Montagnachmittag eine Stunde lang Opfer, Täter und Augenzeugen aus den Balkan-Kriegen zu Wort kommen.

Viele Serben hätten Milosevic gerne im eigenen Land vor Gericht gesehen und nicht in Den Haag. „Wenn er aber vor schlechten Zeugen in Den Haag brilliert, befriedigt das auch die Zuschauer, die sich innerlich gegen den Vorwurf der Kollektivschuld wehren“, sagt Jankovic. In Belgrad ist von Milosevic wenig geblieben. Keine Denkmäler, keine Büsten. Abgesehen von einer Minderheit getreuer Anhänger, die ihn als Kämpfer für die serbische Sache verehren, möchte ihn zumindest in Belgrad niemand wiederhaben. „Eine schreckliche Vorstellung, er könnte freikommen und als Rentner an der Donau spazieren oder als Held zurückkehren“ , sagt Jankovic.

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