Politik : Frustrierte Opfer

Antirassistische Initiativen warnen davor, die Übergriffe auf Inder in Mügeln zu verharmlosen

Lars Rischke[Dresden]

Vor knapp drei Monaten rückte der kleine Ort Mügeln in Sachsen mit einem Mal in den Blickpunkt. Mehrere Inder waren in Todesangst in eine Pizzeria geflüchtet. Draußen hatte sich ein Mob von rund 50 zumeist jungen Deutschen versammelt, es wurden fremdenfeindliche Parolen skandiert. Nur ein Großaufgebot der Polizei konnte Schlimmeres verhindern. Nun schlagen Initiativen gegen Rechtsextremismus in Sachsen Alarm: Sie warnen vor einer schleichenden Verharmlosung der Geschehnisse.

Ingo Stange von der Opferorganisation Amal im sächsischen Wurzen sagt, „was geschah, war purer Rassismus“. Es gebe allerdings in der letzten Zeit eine verstärkteTendenz, die Tat umzudeuten und zu relativieren. Tatsächlich hatte bereits kurz nach der Tat Mügelns FDP-Bürgermeister Gotthard Deuse behauptet, in Mügeln gebe es keine Rechtsextremisten, die Täter müssten von außerhalb gekommen sein. Einen fremdenfeindlichen Hintergrund schloss er aus. Die Opfer mussten sich nach den Übergriffen auch anhören, sie seien ja möglicherweise selbst schuld. Wären sie nicht zuvor im Festzelt gewesen, hätte nicht ein Inder mit einer Deutschen getanzt, dann wäre das alles vielleicht gar nicht passiert. Und Sachsens CDU-Chef und Ministerpräsident Georg Milbradt nannte es auf einem Landesparteitag in Mittweida schließlich unerträglich, wenn ein ganzer Ort oder ein ganzer Landstrich stigmatisiert werde. „Von einer Hetzjagd kann hier nicht die Rede sein“, fügte er hinzu. „Es gab nämlich keine Hetzjagd in Mügeln, sondern auf Mügeln und die Mügelner.“ Ähnlich äußerte sich Gastredner und CDU-Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble. Man müsse ein bisschen aufpassen, „dass wir noch die Fähigkeit haben, auch hinzuschauen, ob denn wirklich was gewesen ist“. Die CDU-Basis applaudierte. Milbradt wurde als Parteichef wieder gewählt.

All das hat bei Initiativen gegen Rechtsextremismus für Unruhe und Verbitterung gesorgt. Gerade war in der Region ein Diskussionsprozess in Gang gekommen, sagt Miro Jennerjahn vom Netzwerk für Demokratische Kultur. Auch in Mügeln gebe es viele, die Fragen stellten. Nun fürchtet man, die dringend nötige Auseinandersetzung mit den Ursachen und Ausprägungen von Rassismus in der Gesellschaft könnte an Schwung verlieren. Vor allem Milbradts Äußerungen seien dem Anliegen „nicht dienlich“, heißt es bei den Initiativen, die auch auf Landesmittel angewiesen sind.

Viele Betroffene sind schockiert. Diejenigen, die in der Tatnacht in Mügeln waren und um ihr Leben fürchteten, seien wie vor den Kopf geschlagen, berichtet Stange. „Da ist schon viel Frust da.“ Mehrere Ausländer waren bei den Übergriffen am Rande des Mügelner Stadtfestes zum Teil schwer verletzt worden. Als bedrückend empfinden die in der Region lebenden Inder vor allem, dass gegen mehrere ihrer Landsleute nun selbst ermittelt wird. Es geht dabei um Auseinandersetzungen im und vor dem Festzelt. Bislang ist nicht gewiss, was dort passiert ist. Klar ist dagegen, was folgte. Die Ermittler haben keinen Zweifel, dass die Inder verfolgt wurden. Dass aus einer Menge von rund 50 Menschen fremdenfeindliche Parolen skandiert wurden. Dass das Lokal gestürmt werden sollte. Und dass erst zusätzliche Kräfte der Polizei dem Spuk ein Ende machen konnten. Inzwischen gibt es erste Anklagen. Die Beschuldigten kommen aus Mügeln und Umgebung.

Die Ereignisse und Reaktionen dürften auch während einer Konferenz gegen Extremismus Mitte November in Riesa eine Rolle spielen, die bereits vor den Ausschreitungen geplant worden war. Rund 600 Bürgermeister und Schulleiter aus ganz Sachsen wollen kommen. Eröffnungsredner ist Milbradt.

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