FU-Forscher ermitteln 43 neue Fälle : Die unbekannten Toten an der DDR-Grenze

Forscher der Freien Universität Berlin haben 43 Todesfälle an der innerdeutschen Grenze ermittelt, von denen man bisher nichts wusste. Gerade Selbstmorde von Grenzsoldaten wurden vertuscht. Insgesamt könnten an der Grenze mehr als 1100 Menschen umgekommen sein.

von
Hunderte starben an der innerdeutschen Grenze.
Hunderte starben an der innerdeutschen Grenze.Foto: dpa

Am 21. August 1979 gegen 20.52 Uhr vernahmen Soldaten der 5. DDR-Grenzkompanie in Geisa einen Feuerstoß aus einer MP und drei kurze Schreie. Man fand am Ort des Geschehens den Soldaten Franz B., Jahrgang 1960, neben ihm seine Waffe. Er starb unmittelbar nach ersten Wiederbelebungsversuchen. In Abschiedsbriefen an Freundin und Vater hatte B. von der Bergung eines Flüchtlings am Tag zuvor berichtet, der durch Minen schwer verletzt worden war. Nach „inoffiziellen Überprüfungen“ kamen die Ermittler der Stasi zu dem Schluss, „daß ihn das Vorkommnis stark beschäftigte und er zum Ausdruck brachte, dass ihm der Grenzverletzer leid tue, da er sich so stark an den Beinen verletzt hat“. In der Kompanie herrschte laut Stasi-Bericht danach eine bedrückte Stimmung.

Der Selbstmord des Grenzers, den Jochen Staadt vom Forschungsverbund SED-Staat recherchiert hat, gehört zu 43 bisher unbekannten Todesfällen an der innerdeutschen Grenze. Die Wissenschaftler der Freien Universität Berlin wollen in einem bis 2015 laufenden Projekt sämtliche Todesfälle herausfinden.

Der Mauerfall aus Sicht unseres Foto-Chefs Kai-Uwe Heinrich
309054_0_cf8380c3.jpgWeitere Bilder anzeigen
1 von 65Alle Fotos: Kai-Uwe Heinrich
09.11.2016 14:21Unser Tagesspiegel-Foto-Chef, Kai-Uwe Heinrich, hat in der Nacht des Mauerfalls und am Tag danach fleißig fotografiert.

Es sind Tote im Zusammenhang mit dem DDR-Grenzregime: Flüchtlinge, Grenzdurchbrecher von Westen her, Soldaten, die Suizid verübten oder bei Unfällen starben. Wie viele Tote es an der innerdeutschen Grenze – ohne die Berliner „Mauertoten“ – gab, ist unklar. Es gebe derzeit 1129 „Verdachtsfälle“, sagt der Leiter des Forschungsverbunds, Klaus Schroeder. Für 408 Männer und Frauen haben die FU-Forscher schon umfangreichere biografische Angaben ermittelt.

Meist seien es jüngere Flüchtlinge unter 25 Jahren, oft aus Arbeiter- und Handwerkerfamilien, berichtet Schroeder. Nach Todesfällen übernahm sofort das Ministerium für Staatssicherheit die Ermittlungen; formal gehörte die Grenztruppe zur Volksarmee, es konnten also auch Wehrpflichtige herangezogen werden. Selbstmorde in der Truppe wurden vertuscht. Die DDR habe auch eine große Angst vor Fahnenflucht gehabt, sagt Schroeder. Die Pressionen und die Überwachung innerhalb der Grenztruppe dürften daher groß gewesen sein. Angesichts des Drucks und der Furcht vor Fahnenflucht war die Zahl der Rückversetzungen „erstaunlich hoch“, wie die FU-Forscher herausfanden. Allein 1986 wurden 1506 Soldaten von der Grenze abgezogen, weil die Stasi irgendwelche Verdachtsgründe ermittelt hatte. Das jüngste Grenzopfer war übrigens sechs Monate alt; das Baby erstickte im Juli 1977 im Kofferraum eines Fluchtfahrzeugs.

Autor

201 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben