Politik : Führt der Mord zum Bürgerkrieg?

Der Anschlag auf Sri Lankas Außenminister bedroht die seit drei Jahren haltende Waffenruhe

Christine Möllhoff[Neu-Delhi]

Mehr als 130 Soldaten waren zu seinem Schutz abgestellt, doch am Ende half es nichts. Am Freitagabend versteckte sich ein unbekannter Scharfschütze im Haus gegenüber der Residenz des Außenministers von Sri Lanka. Zwei Kugeln trafen Lakshman Kadirgamar in den Kopf, eine in den Hals und eine in die Brust. Vergeblich kämpften die Ärzte in Colombo um das Leben des 73-Jährigen.

Kadirgamar galt als scharfer Kritiker der Tamilen-Rebellen der LTTE – und damit als potenzielles Anschlagsziel. Doch die Rebellen reagierten prompt: „Wir verurteilen aufs Schärfste den Versuch, uns für die Tat verantwortlich zu machen, und wir weisen jede Beteiligung daran zurück“, erklärte ein Sprecher der LTTE. Allerdings verneinen die Tamilen-Rebellen fast immer eine Beteiligung an Anschlägen. Präsidentin Chandrika Kumaratunga verhängte am Samstag den Ausnahmezustand. Dies erlaubt den freien Einsatz von Truppen. Die Sicherheitskräfte wurden in höchste Alarmbereitschaft versetzt.

Das Attentat wurde international verurteilt. Der deutsche Außenminister Joschka Fischer schrieb in einem Kondolenztelegramm an die Regierung: „Der verabscheuenswürdige Mord an Kadirgamar richtet sich auch gegen den Friedensprozess.“ Die Ermordung Kadirgamars ist Höhepunkt einer Serie von Attentaten und politischen Morden, die die Tropeninsel seit Wochen erschüttern. Rund sieben Monate nach dem Tsunami haben sich die Hoffnungen zerschlagen, dass Regierung und Rebellen in der Not zusammenrücken. Der Mord am Außenminister schürt die Angst vor einem neuen Bürgerkrieg weiter. „Dieser barbarische Akt ist ein schwerer Schlag für den gesamten Friedensprozess“, sagte der Chef der Internationalen Beobachtermission für den Waffenstillstand, Hagrup Haukland, am Samstag. „Die Waffenruhe ist in Gefahr wie nie zuvor. Ich hoffe, dass sie halten wird.“

Die Polizei lieferte allerdings zunächst keine Beweise, dass tatsächlich die LTTE hinter dem Attentat steckt. Und der Mord trägt in der Tat nicht zwingend die Handschrift der LTTE. Diese setzte bisher meist Selbstmordattentäter ein. Die Tamilen-Rebellen erhoben ihrerseits schwere Vorwürfe gegen das Militär. Teile der Armee versuchten, die seit mehr als drei Jahren haltende Waffenruhe zwischen der LTTE und der Regierung in Colombo zu sabotieren, teilte die LTTE mit.

Allerdings stand Kadirgamar auf der Todesliste der LTTE. Vor rund zwei Wochen waren nach Polizeiangaben zwei LTTE-Mitglieder festgenommen worden, die das Haus des Ministers filmten. Der Außenminister, der selbst Tamile war, galt für den Rebellen als Verräter. Er setzte sich dafür ein, dass die LTTE in den USA als Terrorgruppe eingestuft wurde. Vehement wandte er sich auch gegen einen eigenen Tamilen-Staat in Sri Lanka, wie ihn die LTTE seit 1983 fordert.

Nach 20 Jahren Bürgerkrieg mit fast 70 000 Toten ist Sri Lanka, das nicht einmal so groß wie Bayern ist, heute faktisch ein geteilter Staat. Die Regierung hat zwar im touristischen Süden und im Westen der Insel mit seinen friedvollen Ayurveda-Hotels das Sagen, Teile des Nordens und des Ostens kontrolliert dagegen die LTTE. Auch der Streit um die Tsunami-Hilfsgelder heizt den Konflikt an. Die Rebellen beklagen, die Regierung würde ihre Gebiete bei den Hilfen benachteiligen. Zwar setzte Kumaratunga gegen massiven Widerstand ein Hilfsabkommen mit den Rebellen durch, doch dieses wurde vor Gericht gestoppt.

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