Politik : "Fünf Tage in London": Das längste Wochenende

Boris Peter

Im Frühsommer 1940 stand Churchill allein gegen Hitler. Zugleich war seine innenpolitische Position äußerst prekär. Der Premier war nicht nur im konservativen Establishment umstritten, sondern auch im Kriegskabinett, wie John Lukacs in seinem Buch betont. Darin beschreibt er die Auseinandersetzungen in London zwischen dem 24. und 28. Mai 1940. Der Streitpunkt: Krieg oder Verhandlungen. Am 10. Mai 1940, dem Tag des deutschen Angriffs im Westen, wurde Neville Chamberlain als Premier von Churchill abgelöst. Dessen entschiedenster Kontrahent im Kabinett wurde Lord Halifax, seit Februar 1938 Außenminister. Unablässig plädierte Halifax für Verhandlungen. Angesichts der drohenden Katastrophe bei Dünkirchen schien es kaum einen anderen Ausweg zu geben.

Ungeachtet der dramatischen Lage blieb Churchill kompromisslos. Als das Kriegskabinett am 27. Mai wieder zusammentrat, kam es zur offenen Konfrontation. In der Sitzung warnte der Premier, dass ein Arrangement mit Hitler die britische Moral untergraben würde und verkündete das Ziel "Bis zum Ende zu kämpfen." Halifax dwar außer sich. "Hätte Großbritannien im Mai 1940 den Kampf eingestellt," bilanziert Lukacs "dann hätte Hitler seinen Krieg gewonnen. Deshalb war er einem Sieg niemals näher als während jener fünf Tage im Mai 1940."

Ausschlaggebend für die Geschicke Großbritanniens war auch das Schicksal des Expeditionskorps. Dass Hitler den Vormarsch am 24. Mai kurz vor Dünkirchen für zwei Tage unterbrach, hat zu Spekulationen Anlass gegeben. Unstrittig ist, dass er Abnutzungserscheinungen an den Panzerfahrzeugen beheben lassen wollte. Aber hatte Göring nicht getönt, das zurückweichende Korps aus der Luft zu zerschlagen?

Dazu ist es nicht gekommen. Die Evakuierung des britischen Expeditionskorps wurde bis 4. Juni erfolgreich abgeschlossen. Churchill hatte den in seinem Lande aufkommenden Defätismus besiegt.

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