Politik : „Für den Papierkorb“

Ärzte und Kassen halten wenig von Patientenquittungen

Rainer Woratschka

Nur wenige Reformvorhaben im Gesundheitssystem erfreuen sich ungeteilten Politikerbeifalls. Eines davon ist die Patientenquittung. Sie gilt geradezu als Wunderwaffe: ermöglicht Transparenz, fördert Kostenbewusstsein, erschwert Abrechnungsmanipulationen. Alles höchst wünschenswert. Also wird die Quittung auf Anforderung schnellstmöglich eingeführt, noch vor der elektronischen Gesundheitskarte. Und wenn die Kassenarzt-Vereinigungen bis April 2004 nicht zu Potte kommen, will sie das Gesundheitsministerium per Rechtsverordnung erzwingen.

Bei den Akteuren im Gesundheitswesen ist jedoch von Begeisterung nichts zu spüren. Ärztelobby und Krankenkassen sind sich sogar einmal einig – darüber, dass die Quittung viel kostet und wenig bringt. „Damit wird sich kaum Geld sparen lassen“, vermutet AOK-Chef Hans-Jürgen Ahrens. „Viel Aufwand, wenig Ergebnis“, pflichtet der Vorsitzende des Ersatzkassen-Verbandes, Herbert Rebscher, bei. Und der Kieler Gesundheitsökonom Fritz Beske sagt es drastisch: „Kostenkenntnis ohne Kostenbeteiligung ist Arbeit für den Papierkorb.“ Wer nicht von der Entdeckung möglicher Fehler profitiere, den interessiere die Zusammenstellung nicht.

Ein gerade zu Ende gegangener Testlauf gibt den Skeptikern Recht. Ein Jahr lang boten Ärzte in Rheinland-Pfalz ihren Patienten Quittungen an. Die Resonanz war mäßig. Nahmen im ersten Quartal noch 22 Prozent der Patienten das Angebot wahr, waren es am Ende weniger als zehn Prozent. Die einen gaben an, ihrem Arzt zu vertrauen, andere fühlten sich mit der Quittung überfordert. Viele argumentierten auch, dass die Krankenkasse die Rechnung doch sowieso bezahle.

Aber Desinteresse ist nur das eine. Mit Hilfe der Quittung könnten die Patienten auch eine andere Rechnung aufmachen, befürchten die Krankenkassen: Sie könnten die Behandlungskosten mit der Höhe ihrer Beiträge vergleichen. Zwei Drittel hatten die Kosten höher geschätzt als sie tatsächlich waren. „Wir laufen hier wieder mitten in eine Sackgasse“, warnt Rebscher. 80 Prozent der Versicherten benötigten nur „episodenhaft“ Medizin, zahlten also mehr als sie herausbekämen. Und die 20 Prozent, die das Gros der Kosten verursachen, seien „so krank, dass sie die Quittungen nicht mehr verhaltenssteuernd wahrnehmen“. Womöglich kämen die sporadisch Kranken zu dem Schluss, dass es für sie – angesichts ihrer Beiträge – auch ein bisschen mehr und ein bisschen teurer sein könne. Die Preisauszeichnungspflicht für Medikamente, die man in den 70er Jahren einführte, habe Ähnliches bewirkt, so Rebscher. Der Preis sei zum „Qualitätsindikator“ geworden, der Arzneiumsatz schlagartig gestiegen.

Auch mit der zweiten Hoffnung, der Entdeckung von Falschabrechnern, ist es laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) nicht weit her. Bei 17 000 Quittungen, die im ersten Testlauf-Quartal ausgestellt wurden, habe es zehn Beanstandungen gegeben, sagt KBV-Vize Leonhard Hansen. Übrig geblieben sei davon eine einzige Unregelmäßigkeit.

Der abschreckende Effekt für Manipulateure freilich ist nicht messbar, und die KBV hütet sich, die Sache komplett zum Quatsch zu erklären. „Unverhältnismäßig teuer“ sei sie zwar, und „nicht zielführend“, aber immerhin eine „vertrauensbildende Maßnahme“. Das ist auch das Einzige, was ihr die AOK abgewinnen kann. „Die Patientenquittung ist offenbar eine Krücke, um Defizite in der Arzt-Patienten-Kommunikation auszugleichen“, so der Kassenbefund. Allerdings könne es effektiver sein, diese Defizite „durch entsprechende Fortbildung zu verbessern“.

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