Politik : Für die Gläubigen ein kleines Wunder

Thomas Migge

"Es ist ein Wunder geschehen", frohlockte Schwester Annapaola, "er hat den ganzen Gottesdient allein zelebriert!" Schwester Annapaola harrte Ostersonntag einige Stunden auf dem Petersplatz aus, um Johannes Paul II. aus der Nähe zu sehen. Die Ordensfrau, die in der vatikanischen Telefonzentrale arbeitet, war schon um kurz vor acht Uhr am Platz angekommen, musste aber mehr als eine halbe Stunde geduldig in einer Warteschlange stehen. Obwohl sie wegen ihrer Kleidung sofort als Nonne zu erkennen war, wurde auch sie gründlich gefilzt. Der US-amerikanische Geheimdienst hatte Italien vor Attentaten gewarnt. Deshalb wurden Florenz, Mailand, Venedig und Rom rund um die Uhr von Tausenden von Polizisten und Soldaten bewacht.

Der Spannung kurz vor dem Erscheinen von Karol Wojtyla konnte sich auf dem Platz mit den barocken Kollonaden von Gianlorenzo Bernini niemand entziehen. Würde der Papst oder einer seiner Vertreter den Gottesdienst zelebrieren? Wie würde es um den Gesundheitszustand des schwer angeschlagenen 81-Jährigen bestellt sein? Kein anderes Thema wurde unter den rund 100 000 anwesenden Menschen heftiger diskutiert.

Schließlich erschien der Papst, ging gebückt auf seinen Stock gestützt zu dem von tausenden von holländischen Blumen geschmückten Altar und zelebrierte persönlich den Gottesdienst. In seiner Rede vor dem Segen Urbi et Orbi, der Stadt Rom und den Weltkreis, kam Johannes Paul II. auf den Nahen Osten zu sprechen. Ohne die an diesem Konflikt Beteiligten mit Namen zu nennen, forderte er sie auf, sich an einen runden Tisch zu setzen und miteinander zu verhandeln. Den Segen Urbi et Orbi sprach der Papst dann nicht, wie üblich, auf der Benediktionsloggia. Der Fußweg dorthin hätte ihn über zu viele Treppen geführt, was wegen seines schmerzenden arthritischen Knies nicht möglich war.

Der Gesundheitszustand Wojtylas führte in den letzten Wochen zu vielen Spekulationen. Immer wieder war von Rücktritt die Rede - eine Möglichkeit, die von Personen aus der direkten Umgebung des Papstes kategorisch ausgeschlossen wird. Kardinal Ersilio Tonnini, einer der engsten Papstvertrauten, meinte Ostersonntag, "dass er den Kreuzstab bis zu seinem Ende tragen wird". Am Ostermontag wurde Johannes Paul II. mit einem Hubschrauber in seine Sommerresidenz Castelgandolfo gebracht. Dort soll er sich ausruhen und, wie es aus dem Vatikan heißt, auf eine Knieoperation vorbereitet werden. Nach dieser Operation soll es Anfang Mai nach Ischia und Ende Mai nach Bulgarien gehen. Im Juli sind Papstreisen nach Kanada, nach Mexiko und Guatemala geplant. Doch die Realisierung dieser Reisepläne wird wesentlich davon abhängen, wie sich die Arthrose im Knie des Papstes entwickeln und wie schnell das Bein nach einer Operation heilen wird.

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