Politik : Für die Minderheit

Die Deutschen wenden sich von der Religion ab. Und selbst Kardinal Lehmann sagt, dass die Kirche nicht mehr viel zu melden hat

Martin Gehlen

Kardinal Lehmann zeigt sich bestürzt. Ein solcher Bedeutungsverlust „tut weh“, kommentierte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz das schlechte Abschneiden der Kirchen im Ansehen der Bevölkerung. „Bei Ehe, Familie, Sexualität, da hat die Kirche offensichtlich nicht mehr viel zu melden“, sagte er dem Hamburger Magazin „Stern“.

In der Umfrage „Perspektive Deutschland“ bezeichneten sich nur noch 39 Prozent der Deutschen als religiös, obwohl noch 65 Prozent der evangelischen oder katholischen Kirche angehören. Nur noch elf Prozent der Deutschen stehen „voll und ganz“ hinter der katholischen Kirche – nach Meinung von Kardinal Lehmann „ein dramatisches Urteil“. Trotz der hohen Unzufriedenheit glauben nur 29 Prozent der Befragten, dass die katholische Kirche wirklich an inneren Reformen interessiert ist. Viel kritisiert wird außerdem die mangelnde Transparenz von Entscheidungen und die hierarchische Struktur der katholischen Kirche.

An der Umfrage, die von der Unternehmensberatung McKinsey, T-Online, dem ZDF und dem „Stern“ organisiert wurde, beteiligten sich 356 000 Bundesbürger. Etwas besser kam die evangelische Kirche weg. 17 Prozent vertrauen ihr, 18 Prozent bestätigten ihr, dass sie ihre Aufgaben gut erfüllt. Dieser krasse Rückgang bei der inneren Zustimmung in der Bevölkerung kann Rückwirkungen haben auf die gesellschaftliche und politische Bedeutung der beiden Kirchen – beispielsweise in Fragen der Familienpolitik, der Gentechnik oder der Sozialreformen.

Auffällig sind zudem erhebliche regionale Unterschiede: So sind die Menschen in Westdeutschland deutlich religiöser als in der früheren DDR mit ihrer atheistischen Staatsideologie. Innerhalb Westdeutschlands herrscht ein Süd-Nord-Gefälle. In Bayern bezeichnen sich noch 50 Prozent als religiös, in Hamburg sind es 26 Prozent. Sämtliche neuen Länder liegen noch darunter, in Sachsen-Anhalt sind 14 Prozent religiös.

Religion sei nichts Selbstverständliches, vielleicht nur noch etwas für eine Minderheit, sagte Lehmann. Man müsse sich als Mensch bewusst dafür entscheiden und sein Leben danach ausrichten. Eine Minderheit zu werden, sei schwer. „Eine Minderheit zu sein, ist es nicht.“ Denn Minderheiten seien wendiger und könnten Alternativen anbieten. „Auch eine Minderheitenkirche kann Volkskirche sein, wenn sie die Schwächsten und Ärmsten nicht aus den Augen verliert“, erklärte der Kardinal. Die Mitgliederzahl sei dann weniger wichtig „als unsere Treue zu dieser Aufgabe“.

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