Politik : Für ein paar Tausender in den Westen

Paul Flückiger[Kiew]

Natascha reiste im Linienbus von Kiew nach Frankfurt am Main. Pass, Visum und Fahrkarte hatte ihr ein gewisser Igor besorgt. Natascha hatte sich auf ein Inserat hin als Tänzerin in deutschen Nachtclubs beworben. „Igor gab mir sogar etwas Taschengeld für die Reise“, erinnert sich die junge Frau. Kaum in Deutschland angekommen, wurde ihr der Pass abgenommen und es folgte ein monatelanger Leidensweg. Eine Razzia brachte sie in Abschiebehaft in Berlin. „Ein Glück“, sagt Natascha heute. Irina ist fast doppelt so alt. Sie wählte eine andere Tour für ihre Ausreise in den Westen. Irina buchte eine Touristenreise. „Zurückgekehrt ist von unserer Reisegruppe keiner“, sagt Irina, die inzwischen (illegal) als Haushaltshilfe arbeitet.

Dank „Reiseschutzpass“ und „Reisebüroverfahren“ kamen die beiden Frauen nach Deutschland. Dem organisierten Verbrechen verschafften diese beiden Einrichtungen jährlich Millionengewinne. Rund zehn Prozent der Einwohner sind aus den ukrainischen Armutsgebieten seit dem Jahr 2000 in den Westen abgewandert – viele davon nach Deutschland. Der Volmer-Erlass, der die Konsularbeamten bei der Visumsvergabe darauf festlegte, im Zweifelsfall für die Reisefreiheit zu entscheiden, half dabei kräftig. Der so genannte Reiseschutzpass, eine Versicherung, die die Kosten einer möglichen Zwangsrückführung decken sollte, konnte problemlos in Reisebüros oder auch auf der Straße vor dem deutschen Konsulat in Kiew erworben werden. Tatsächlicher Reisezweck und Bonität des Antragstellers wurden nicht mehr geprüft.

Gleiches galt bis Ende Oktober für den Einladenden aus Deutschland. Einladungen für Ukrainer stellten Gutmeinende aus, die „den armen Osteuropäern helfen“ wollten, Personen aus dem Milieu oder bezahlte Dritte. Beim Reisebüroverfahren erledigte das Busunternehmen alles selbst – der Antragsteller musste nicht einmal mehr persönlich im Konsulat erscheinen. Um die Visa kümmerten sich Reisebüroangestellte.

Die Plätze in der manchmal hunderte Meter langen Schlange vor dem Konsulat in der Kiewer Slatoustiwska- Straße wurden häufig gehandelt, professionelle Schlangesteher, etwa Rentner, traten auf den Plan – und vor allem die Mafia. Sie verschaffte sich mit Einschüchterung und Geld Platz in der Visumschlange, stellte Kontakte zu lokalen Konsulatsangestellten her, schmierte, bestach, verkaufte. Im Umkreis des Konsulats warteten verdächtige Typen, die für Geld alles regeln können. Zudem wurden in vielen ukrainischen Reklamezeitungen Visa nach ganz Europa und Übersee angeboten – Italien für unter tausend Euro, Großbritannien für bis zu 5000, Deutschland irgendwo dazwischen.

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