Politik : Für fünf Dinar an die Front

Der irakische Gelegenheitsarbeiter Wahab Ajil Hejan verlässt Jordanien – er will die Amerikaner aus seiner Heimat vertreiben helfen

Andrea Nüsse[Amman]

Wahab Ajil Hejan legt fünf Dinar (etwa acht Euro) auf den Tisch in dem kleinen, heruntergekommenen Büro in der Innenstadt von Amman. So viel kostet die Fahrt im Bus von der jordanischen Hauptstadt bis an die Grenze zum Irak. Der 25jährige, kräftige Mann will in seinen Heimatort Al Muthanna, südlich von Bagdad, wo seine Frau und seine sechs Monate alte Tochter leben. „Ich will kämpfen und mein Vaterland verteidigen“, erklärt er. Angst hat der Iraker, der mit Gelegenheitsjobs in Amman mehr Geld verdient als in seiner Heimat, angeblich nicht. Sie seien entschlossen und hätten auch Waffen, bekräftigt Wahab Ajil Hejan, der gerade aus dem Krankenhaus entlassen wurde. Dort hat er fünf Tage wegen Atemproblemen verbracht. Sonst wäre er schon früher losgefahren. Das Argument, dass die Amerikaner doch technisch überlegen seien und die absolute Lufthoheit hätten, lässt er nicht gelten. „Der Himmel gehört Allah – und der ist mit uns.“ Wahab Ajil Hejan reist mit zwei Freunden. Gestern seien bereits zehn ihrer Bekannten nach Irak zurückgekehrt. Nach Angaben des Fahrunternehmers Saed al Ali schickt er täglich sieben Busse mit jeweils etwa 50 Irakern an die Grenze. Dort müssen die Rückkehrer aussteigen, weil den jordanischen Fahrern die Fahrt nach Bagdad zu gefährlich ist. Auf der anderen Seite erwarten irakische Regierungsbusse die Männer und bringen sie gratis nach Bagdad. Eigentlich kostet die Fahrt bis zur knapp 400 Kilometer entfernten Grenze zwölf Dinar: „Aber ein jordanischer Regierungsvertreter hat mich angerufen und gebeten, dass ich den Preis auf fünf Dinar senke“, sagt Ali. Wahrscheinlich ist das jordanische Regime froh über jeden ausreisenden Iraker, die teilweise illegal im Lande leben. Doch auch der Unternehmer Ali ist zufrieden. Trotz der reduzierten Preise verdient er mehr als vor dem Krieg, als er höchstens einen bis zwei Busse täglich nach Bagdad schickte. Insgesamt gibt es vier Firmen in der Altstadt, die Bustouren an die Grenze organisieren. Ali schätzt, dass etwa 500 Männer täglich zurückkehren.

380 000 Iraker, meist Schiiten, leben in Jordanien. Der Chef des jordanischen Grenzübergangs Al Karameh hatte vorletzten Sonntag bekannt gegeben, dass innerhalb einer Woche 5284 Iraker Jordanien in Richtung Bagdad verlassen hätten. In umgekehrter Richtung sind bisher keine irakischen Flüchtlinge in Jordanien angekommen.

Wahab Ajil Hejan trägt seine Sporttasche zum Bus. Im Kofferraum stehen wenige Taschen, Plastiktüten mit billigen Bettdecken und ein Paar Schuhe. Ein alter Mann mit verbundenen Beinen und einer Krücke steigt ein, ein anderer in Sandalen. Ein Bild von Saddam Hussein ist weit und breit nicht zu sehen. „Ich kämpfe für mein Vaterland“, sagt Wahab Ajil Hejan. Auch für das Regime? „Saddam Hussein hat den Amerikanern nichts getan, und wir wollen sie nicht bei uns“, antwortet er ausweichend. Von „Befreiung“ will er nichts hören. „Seit zwölf Jahren leiden die Iraker unter den Sanktionen, die auf Geheiß der USA verhängt wurden. Und jetzt wollen sie unser Öl.“ Hejans Haltung zeigt, dass sich im konfessionell und ethnisch heterogenen Irak doch ein Nationalgefühl herausgebildet hat. Zumindest aber, dass der Anti-Amerikanismus stärker ist als der Hass auf Saddam.

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